Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2012 Heft 2 (2)

und die Einkommenssteuerstatistik zu heterogen sind, um zusammenge-
fasst werden zu können. Getrennt betrachtet wiesen die Einkommen der
Selbständigen zu Beginn des golden age1 mit einem Gini-Koeffizienten
von 0,44 eine deutlich höhere Konzentration als in der großen Depression
mit einem Wert von 0,38 auf.2 Auf der anderen Seite waren die Lohnein-
kommen zu Beginn der 1950er gleicher verteilt, wenn die bessere statisti-
sche Erfassung von Niedrigeinkommen in Betracht gezogen wurde.
Günther Chaloupek (1978, 1980) knüpfte an dieses Ergebnis an, indem
er die Entwicklung von 1953 bis 1977 analysierte. Er stellt darin sowohl bei
den Selbständigen- als auch bei den Lohneinkommen eine höhere Un-
gleichheit fest. Die „Entnivellierung“ bei den Lohneinkommen war sowohl
zwischen Frauen und Männern als auch ArbeiterInnen und Angestellten
zu beobachten.3 Sie dürfte aus einer – im Unterschied zur Nachkriegszeit
– weitgehend fehlenden Generallinie der Gewerkschaften in der Lohnpoli-
tik erwachsen sein, wofür wiederum „der Wechsel der ökonomischen Ver-
hältnisse“ ausschlaggebend war.4 Der Strukturwandel spielte hingegen
nur bei der Verteilung der Selbständigeneinkommen eine wesentliche
Rolle. Agnes Streissler (1994) und Tobias Schweitzer (2006) führten die
Analyse der Einkommenssteuerstatistik fort, wobei letzterer auf eine prak-
tisch gleichbleibende Verteilung bei einem hohen Niveau der Ungleichheit
hinweist.5
Alois Guger und Markus Marterbauer (2005) untersuchen die Einkom-
mensverteilung in Österreich eingehend. Sie dokumentieren eine stoß-
weise Zunahme der Ungleichheit bei Löhnen von 1976 bis 2003 auf Basis
unterschiedlicher administrativer Einkommensdaten. Geschlechtsbezo-
gene Einkommensunterschiede waren zwischen 1980 und 2003 außeror-
dentlich persistent, getrieben vor allem durch eine Zunahme der Teilzeitar-
beit und Lohnunterschiede in den niedrigen Einkommensgruppen.6 Die
funktionelle Einkommensverteilung entwickelte sich ab Mitte der 1970er-
Jahre zuungunsten der Lohnquote, die sowohl unbereinigt als auch berei-
nigt um die Verschiebung zwischen selbständig und unselbständig Be-
schäftigten bis 2004 deutlich sank.
Aktuelle Forschungsergebnisse von Wilfried Altzinger et al. (2011, 2012)
zeigen für Österreich, dass die zunehmende Konzentration der Topein-
kommen ab den frühen 1980er-Jahren bis 2007 ein substantieller Be-
standteil der höheren Ungleichheit in der Gesamtverteilung der Unselb-
ständigeneinkommen war. In der Statistik der Einkommenssteuern stellen
die Autoren einen konstant hohen Gini-Koeffizienten von 0,60 fest.7
In einer Pionierarbeit analysiert Chaloupek (1977) die funktionelle Ver-
teilung der Spitzeneinkommen in Österreich. Aus der Integration der Sta-
tistiken für Lohn- und Einkommenssteuer 1970 berechnete er, dass das
oberste 1 Prozent der Erwerbstätigen etwa 7,3% des Gesamteinkommens
besaß. In der Detailanalyse der Einkommenssteuer zeigt Chaloupek wei-
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Wirtschaft und Gesellschaft 38. Jahrgang (2012), Heft 2
        

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