Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2012 Heft 2 (2)

Entsprechend der jeweiligen Kombination dieser Bestimmungsgründe
wird der Effekt fiskalpolitischer Maßnahmen und damit der Multiplikator
größer oder kleiner sein; den „wahren“ Multiplikator gibt es nicht und kann
es nicht geben! Das zeigen theoretische Modelle wie empirische Erfahrun-
gen.13 Im reduktionistischen Modell muss der Multiplikator Null sein, weil
freie Kapazitäten fehlen, im neokeynesianischen Ansatz muss er klein
sein, weil kompensierende Steuererhöhungen erwartet werden, und in
fundamental-keynesianischen Überlegungen wird er vielfach hoch sein.
Dennoch geht die ideologische Diskussion um den „wahren“ Multiplikator
unverändert weiter. Zwei der jüngsten US-amerikanischen Diskussionen
zeigen das sehr deutlich:
Romer and Bernstein (2009), damals im Dienst der (demokratischen)
US-amerikanischen Regierung, waren bei der Abschätzung des Konjunk-
turprogramms 2010 von Staatsausgaben- bzw. -einnahmenmultiplikato-
ren von 1,4 bzw. 0,7 im ersten und 1,6 bzw. 1,0 im zweiten Jahr ausgegan-
gen, die sie als Durchschnitt der Ergebnisse der Modelle der Zentralbank
und einer privaten Prognosefirma erhielten; das Programm ergab 31/2 Mill.
zusätzlich Beschäftigte. Cogan et al (2009), Vertreter der (eher republika-
nisch orientierten) Hoover Institution und der Universität Frankfurt, rea-
gierten empört: Multiplikatoren und Beschäftigungseffekte seien viel zu
hoch angesetzt, was einerseits mit den Modellen, andererseits mit der
Annahme eines während der gesamten Prognoseperiode unverändert
gehalten Zinssatzes von Null zusammenhänge. Mit Hilfe des neokeyne-
sianischen Smets-Wouters Modells und der Annahme steigender Zins-
sätze ab dem zweiten Jahr erhielten sie einen halb so hohen Multiplikator
im ersten Jahr und von nur noch 0,4 am Ende des zweiten. Als Beschäfti-
gungseffekt ergab sich bloß ein Sechstel des vom Romer und Bernstein
geschätzten, aber er blieb immerhin positiv! – Folge der in den USA inzwi-
schen breit diskutierten Null-Zins-Situation.14
In der zweiten US-amerikanischen Diskussion geht es um die Frage, ob
der Abbau von Staatsschulden, also eine restriktive Politik, nicht sogar
expansive Wirkungen haben könnte, sogenannte non-keynesian effects;
indirekt geht es somit wieder um die Höhe der Multiplikatoren bzw. um
deren Vorzeichen. Die Debatte dürfte mit Giavazzi and Pagano (1990)
begonnen haben, denen zufolge der private Konsum als Folge fiskalischer
Konsolidierungsmaßnahmen vielfach steigt. Zahllose weitere Studien
folgten, die non-keynesian effects in Form von wachstumsbeschleunigen-
den Wirkungen fanden.15 Guajardo et al (2011) konnten allerdings zeigen,
dass das bloß dann der Fall ist, wenn die Untersuchung Episoden enthält,
in denen die restriktive Politik eine Dämpfung der Überhitzung zum Ziel
hatte, die restriktive Wirkung also beabsichtigt war. Schaltet man diese
Episoden aus, lässt eine Reduzierung der Staatschulden im Ausmaß von
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Wirtschaft und Gesellschaft 38. Jahrgang (2012), Heft 2
        

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