Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2012 Heft 2 (2)

1% des BIP den Konsum in den beiden Folgejahren um 3/4% und das BIP
um 2/3% schrumpfen. Richtig geschätzt hat somit restriktive Budgetpolitik
i. d. R. tatsächlich restriktive Folgen, und demgemäß spricht wenig gegen
die Annahme, dass expansive Politik, richtig angewendet und richtig
geschätzt, expansive Folgen hat. Auerbach and Gorodnichenko (2010),
die zwischen Expansions- und Rezessionsperioden unterscheiden, erhal-
ten Ausgabenmultiplikatoren von etwa 1/2 für erstere und von etwa 21/2 für
letztere; die Steuermultiplikatoren sind mit 1/2 und Null beträchtlich kleiner.
Das entspricht den Ergebnissen von Eggertson (2010), denen zufolge in
einer Krise bloß explizit temporäre Steuersenkungen expansiv wirken,
dauerhafte hingegen sogar restriktiv.
Der fundamentale Ansatz
Wie erwähnt geht die fundamentale Interpretation von Keynes – anders
als die hydraulische – von instabilen Beziehungen sowie von vagen, unsi-
cheren und wechselnden Erwartungen als problematische Basis der
Wahlhandlungen aus. Nicht bloß Informationmangel und verzerrte Infor-
mation erschweren die Entscheidungen der Wirtschaftssubjekte sondern
tiefsitzende Unsicherheit. Einfache Regeln für die Wirtschaftspolitik kann
es in diesem Ansatz nicht geben: „[U]nemployment in a market economy is
the result of ignorance too great to be borne. The fully-specified macroeco-
nomic models miss the point – which is precisely that no model of this
situation can be fully specified.“16 Auch für die Politik gilt, was Rothschild
(1979, 197) für die Theorie postuliert: „[D]ie postkeynesianische Beschäfti-
gungstheorie [wird sich] bei voller Ausnutzung vieler Ergebnisse der ‚neo-
klassischen Synthese‘ [also des hydraulischen Keynesianismus] in höhe-
rem Maße als bisher den besonderen Umständen widmen müssen, die
das Gruppenverhalten, die finanziellen Institutionen und Aktiva und ihre
Entwicklung im Konjunkturverlauf, die staatliche Wirtschaftspolitik etc. in
unserer Zeit beeinflussen“. Es gibt keine allgemein gültige sondern bloß
zeit- und situationsabhängige Strategien.
Als ein Beispiel einer solch maßgeschneiderten Strategie die unter den
damaligen Bedingungen eine Zeit lang funktionierte, sei das Modell des
Austrokeynesianismus skizziert. Der Begriff wurde vermutlich 1979 von
Hans Seidel (1982) geprägt und beschreibt eine wirtschaftspolitische Kon-
zeption, deren sich die Politiker selbst gar nicht bewusst waren, und die
daher bloß aus deren Handlungen erschlossen werden kann.17 Zu den
wesentlichen Elementen der austrokeynesianischen Konzeption gehörten
neben einer eher traditionellen Nachfragesteuerung eine Verstetigungs-
strategie, der Einsatz von Maßnahmenbündeln zur Erreichung von Ziel-
bündeln, sowie eine spezifische Strategie zur Inflationsbekämpfung bei
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38. Jahrgang (2012), Heft 2 Wirtschaft und Gesellschaft
        

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