Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2012 Heft 2 (2)

Die kurze Renaissance
keynesianischer
Wirtschaftstheorie
Rezension von: Harald Hagemann, Hagen
Krämer (Hrsg.), Keynes 2.0 – Perspek-
tiven einer modernen keynesianischen
Wirtschaftstheorie und Wirtschaftspolitik,
Jahrbuch Ökonomie und Gesellschaft
Bd. 23, Metropolis, Marburg 2011,
434 Seiten, D 24,80.
Der vorliegende Sammelband stellt
die Aufarbeitung ausgewählter Arbeits-
papiere einer Tagung des „Arbeitskrei-
ses Politische Ökonomie“ und der
„Keynes-Gesellschaft“ aus dem Herbst
2009 dar (S. 13). Damit werden sowohl
das Hauptthema, nämlich die Bedeu-
tung der keynesianischen Theorie in
der heutigen Zeit und im Besonderen
die Möglichkeiten zur Überwindung der
globalen Finanz- und Wirtschaftskrise,
als auch die „Stimmung“ der Papiere in
Bezug auf die Bedeutung der keyne-
sianischen Theorie deutlich.
Ruft man sich in Erinnerung, dass im
Herbst 2009 in den USA, aber auch
von den europäischen Regierungen
der verstärkte Einsatz fiskalpolitischer
Maßnahmen ratifiziert worden war,
wurde scheinbar ein zweiter Höhenflug
der keynesianischen Theorie eingeläu-
tet. Dass diese Hoffnung enttäuscht
und der Anflug einer keynesianische
Trendwende in der europäischen Wirt-
schaftspolitik zugunsten einer schein-
bar europaweiten Austeritätspolitik ab-
gelöst wurde, ist freilich heute (im Jahr
2012) evident, spiegelt jedoch nicht die
Hoffnungen des Jahres 2009 wider.
So schreiben die beiden Herausge-
ber Hagemann und Krämer schon in
der Einleitung: „Die jüngste Finanz-
und Wirtschaftskrise hat damit inner-
halb kürzester Zeit zu einer erstaunli-
chen Renaissance von Keynes, einem
großen Interesse an seinem Werk und
zu einer Wiederentdeckung seiner
Lehren geführt“ (S. 7). Freilich sind sich
die Herausgeber in der Einleitung auch
des Abklingens des Interesses an Key-
nes vornehmlich durch die sich bes-
sernden Wirtschaftsdaten in den Jah-
ren 2010 und 2011 bewusst und re-
flektieren damit auch die Beiträge im
Sammelband.
Insgesamt ist die Grundstimmung
des Sammelbandes zwar nunmehr
nicht mehr aktuell, wohl aber nachvoll-
ziehbar und verdeutlicht die wirt-
schaftstheoretische und -politische Dy-
namik, die durch die globale Finanz-
und Wirtschaftskrise von 2008 ausge-
löst wurde. Vor diesem Hintergrund se-
hen die Herausgeber die Bündelung
der Fragen für den vorliegenden Band:
Ist Keynes quasi als historisches Relikt
zu verstehen, dass in speziellen Zeiten
einer nachfrageseitigen Krise kurzfris-
tig anzuwenden ist, oder aber bedingt
die empirische Evidenz der herrschen-
den globalen Finanz- und Wirtschafts-
krise, dass das derzeit herrschende
Paradigma einer neoliberalen Wirt-
schaftspolitik zu überdenken ist?
Sollte von Letzterem ausgegangen
werden, muss man sich im Anschluss
fragen, welche Elemente der keynesia-
nischen Theorie für die heutige wirt-
schaftliche Lage adaptiert werden
müssen, schließlich stehen wir heute
vor einer anderen wirtschaftlichen – im
Wesentlichen institutionell/strukturell
unterschiedlichen – Ausgangslage. Die
vorliegenden 14 Beiträge – wobei hier
nicht auf alle Beiträge eingegangen
werden kann – lassen sich jedoch nicht
nur, wie von den Herausgebern be-
schrieben – entlang diesen Fragestel-
475
38. Jahrgang (2012), Heft 2 Wirtschaft und Gesellschaft
        

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