Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2012 Heft 2 (2)

heit des Produktes j, qij, mit steigendem (sinkendem) Preis des Inputs, pi,
sinkt (steigt) oder allenfalls konstant bleibt, das heißt
?
?
q
p
ij
i
? 0.
Dieses Vorurteil lässt sich jedoch (wie viele Vorurteile) nicht halten. Es
kann nicht allgemein davon ausgegangen werden, dass die Rangfolge der
Investitionsprojekte bei einem sich verändernden Zinssatz die gleiche
bleiben wird, da die erwarteten Bruttoeinnahmen ebenso wie die erwarte-
ten Kosten im Allgemeinen nicht unabhängig von der Zinsänderung sind.
Die Rangfolge verschiedener Investitionsprojekte ist daher ebensowenig
zinsunabhängig wie die Rangfolge von Böden unterschiedlicher Frucht-
barkeit. Ja, es ist nicht einmal gesichert, dass mit einem von einem gewis-
sen Niveau aus steigenden (sinkenden) Zinssatz die Investitionsnachfra-
ge immer sinken (steigen) wird. Das Keynessche Argument ist partialana-
lytisch – es operiert unzulässigerweise implizit mit der ceteris paribus-
Annahme. Und hinsichtlich einer langfristigen Betrachtung schließlich
gebe es keinen Grund zur Annahme, dass eine Zunahme der Kapitalinten-
sität der Produktion unvermeidlicherweise mit einem Sinken der Grenz-
leistungsfähigkeit des Kapitals verbunden ist, wie Keynes ganz im Ein-
klang mit der „orthodoxen“ (marginalistischen) Theorie angenommen
hatte.7 Der Zusammenhang zwischen Kapitaleinsatz bzw. -nachfrage, K,
und Profitrate, r, kann daher durchaus wie in Abbildung 1 aussehen.
Würde man die gezeichnete und als Nachfragekurve interpretierte Figur
mit einem gegebenen Angebot K K* *? konfrontieren, so ergäbe sich zwar
ein einziges Gleichgewicht zur Rate r r= *, aber es wäre instabil. Welchen
Erklärungswert hätte ein derartiges Gleichgewicht? Abweichungen von
ihm würden immer größer werden mit dem Ergebnis, dass entweder die
Profitrate zu ihrem Maximalwert R streben würde und korrespondierend
hierzu der Lohnsatz gegen Null – oder der Lohnsatz zu seinem Maximal-
wert und die Profitrate gegen Null. Eine der beiden Einkommenskatego-
rien würde demnach verschwinden, ein empirisch nicht beobachteter Fall.
Gegen die vorgestellte Kritik an der Keynesschen Investitionsfunktion ist
von einigen ihrer Verteidiger eingewandt worden, dass das Argument nur
für die kurze Frist Geltung beanspruche, in der die (relativen) Preise als
starr angenommen werden können. Die Kritik aber unterstelle, dass die
Preise flexibel auf Änderungen des Zinssatzes reagieren, und nur deshalb
könne es zu den genannten Effekten kommen. Darauf ist zu erwidern,
dass Keynes gerade nicht, wie häufig insbesondere von marginalistischen
Autoren behauptet, sein Argument auf Preisrigiditäten gestützt wissen
wollte, sondern dessen allgemeine Gültigkeit behauptete. Seine Überle-
gungen zur langen Frist, in der die Preise gewiss flexibel sind, bestätigen
seine die kurze Frist betreffende Auffassung – nämlich dass er kapital-
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38. Jahrgang (2012), Heft 2 Wirtschaft und Gesellschaft
        

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