Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2012 Heft 2 (2)

schichte und auch den international
bedeutenden wissenschaftlichen Leis-
tungen in Russland.
Schwerpunkte der „Kurzen Geschich-
te" sind das 19. und das 20. Jahrhun-
dert. Rund 140 Seiten sind der russi-
schen Geschichte bis zum Ende des
18. Jahrhunderts gewidmet.
Eine der besonderen Stärken des
Bandes liegt darin, dass es in jedem
Kapitel einen roten Faden gibt, den der
Autor nicht verliert. Beispielsweise kon-
zentrieren sich die Kapitel 17 „Compro-
mise and Preparation“ und 19 „Building
Utopia“ darauf, welche konkreten Um-
setzungen die Ideen „Sozialismus“ bzw.
„Kommunismus“ und „Diktatur des Pro-
letariats“ unter den harschen externen
Bedingungen (Bürgerkrieg mit auslän-
discher militärischer Beteiligung bzw.
Umringtsein von einer Welt von Fein-
den) fanden und insbesondere welche
wirtschaftspolitischen Strategien ge-
wählt wurden, um das Überleben des
neuen Regimes auch im Falle eines
Angriffs kapitalistisch-imperialistischer
Mächte, den die sowjetischen Führer
bald erwarteten, zu gewährleisten. In
diesen Auseinandersetzungen über
wirtschaftspolitische Strategie rückte
die Frage der Industrialisierung in den
Mittelpunkt.
Leo Trotzki und der Ökonom Jew-
geni Preobraschenski vertraten den
Standpunkt, dass der Landwirtschaft
durch Konfiskationen und rasche Kol-
lektivierung Ressourcen – Ernteerträ-
ge und Arbeitskräfte – zu entziehen
wären, die für eine extrem beschleu-
nigte Industrialisierung verwendet wer-
den sollten. Bekanntlich lehnte Stalin,
seit 1922 Generalsekretär des Zentral-
komitees der KP, das Konzept des
zentral gesteuerten Industrialisierungs-
schubs und damit die Abkehr von der
„Neuen Ökonomischen Politik“ zu-
nächst ab und verbündete sich zu die-
sem Zweck mit Bucharin. 1927 setzten
sich diese beiden in dem Konflikt
durch, und Trotzki wurde nach Alma-
Ata und dann ins Ausland verbannt.
Die NÖP, kombiniert mit verstärkten In-
vestitionen im Industriebereich, schien
zu triumphieren.
Doch Anfang 1928 änderte Stalin
seine Meinung. Ausgelöst wurde die-
ser Umschwung offenbar durch große
Schwierigkeiten, die Städte mit Getrei-
de zu versorgen, und daraufhin einge-
leitete, erfolgreiche Getreidekonfiska-
tionen im Uralgebiet und in Westsibi-
rien, die er persönlich leitete (S. 324).
Rasche und mit allen Mitteln durchzu-
setzende Kollektivierung der Landwirt-
schaft und hyperakzelerierte Industria-
lisierung, das war Stalins neue Linie,
die er gegen alle Widerstände durch-
setzte, womit er Ende 1929 die unein-
geschränkte Führung der Partei er-
langte.
Die Folgen sind heute bekannt:
Zwangskollektivierung, Erntekonfiska-
tionen und schlechtes Wetter hatten
1932 in der Ukraine, Südrussland und
Kasachstan eine Hungerkatastrophe
zur Folge, der zwischen fünf und sie-
ben Millionen Menschen zum Opfer fie-
len. Die brachial neu organisierte
Landwirtschaft blieb der Schwach-
punkt der sowjetischen Wirtschaft:
Ende der 1930er-Jahre waren die Kol-
chosen knapp in der Lage, auch jene
31% der Bevölkerung mit Getreide zu
versorgen, die mittlerweile in den Städ-
ten lebten. Fleisch und Milch ent-
stammten überwiegend den kleinen
privaten Parzellen, welche die Landbe-
völkerung auch nach der Kollektivie-
rung bewirtschaften durfte. Aufgrund
der forcierten Industrialisierung stieg
die Anzahl der ArbeiterInnen in der
Sachgüterproduktion von 3,8 Mio. 1928
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38. Jahrgang (2012), Heft 2 Wirtschaft und Gesellschaft
        

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