Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2013 Heft 2 (2)

nehmende Fixierung der ökonomi-
schen Wissenschaft auf Gleichge-
wichtszustände nicht die ihr zukom-
mende Wirksamkeit erlangt hat. Die
Beseitigung von Monopolen und die
Lenkung der Ressourcen in ihre pro-
duktivsten Verwendungen durch die
Konkurrenz führen im Smith’schen
System zu einer investiven Verwen-
dung der Überschüsse, wodurch es
langfristig zu einer Zunahme der Ge-
samtproduktion insgesamt und pro
Kopf kommt, was wiederum eine konti-
nuierliche Steigerung des Lebensstan-
dards ermöglicht. Entscheidend ist,
dass die Überschüsse der unprodukti-
ven Verwendung durch die Bezieher
von Grundrenten und Staatspfründen
entzogen und der Verbesserung des
Bodens und der Ausweitung der ge-
werblichen Produktionskapazitäten zu-
geführt werden. Smith erwartete als
Folge einer steigenden Nachfrage
nach produktiv eingesetzten Arbeitern
auch einen Anstieg der Reallöhne,
dem er eine positive Anreizwirkung auf
das Wachstum zuschrieb. Deswegen
kritisiert er scharf die Praxis der Arbeit-
geber, Absprachen gegen Lohnforde-
rungen zu treffen, und die Benachteili-
gung der Arbeiter durch gesetzliche
Organisationsverbote. Konsequenter-
weise weist Smith der Ordnungspolitik
eine aktive Aufgabe bei der Beseiti-
gung von Macht- und Informations-
asymmetrien zu.
Ex post betrachtet erscheint der Opti-
mismus Smiths bezüglich der Diffusion
des Wohlstandes in die Arbeiterklasse
verfrüht, da die Industrielle Revolution
zum Zeitpunkt des Erscheinens von
WN noch kaum begonnen hatte und
die arbeitssparenden Wirkungen der
„großen Maschinerie“, die Ricardo eini-
ge Jahrzehnte später intensiv beschäf-
tigen sollte, für ihn noch nicht erkenn-
bar waren. Zu optimistisch ist auch sei-
ne Annahme eines unproblematischen
Gleichgewichts zwischen Sparen und
Investieren. Kaum nachvollziehbar –
selbst aus damaliger Sicht – ist Smiths
starke Präferenz für die Bodenverbes-
serung als Ziel der Investitionen, bei
gleichzeitiger Unterschätzung des
Wachstumspotenzials des Gewerbes,
obwohl Smith auf die produktivitätsstei-
gernde Wirkung der zunehmenden Ar-
beitsteilung mit Nachdruck hingewie-
sen hat.3
Diese und andere Fehleinschätzun-
gen wiegen allerdings wenig gegen-
über dem grundlegenden Erkenntnis-
fortschritt des Smith’schen Theoriege-
bäudes, dessen Ansatz „allgemein ge-
nug [ist], um das neu heraufkommende
Zeitalter von Kohle und Eisen analy-
tisch zu durchdringen … Es bestätigt
sich aufs Neue: Die Beiträge großer
Ökonomen enthalten mehr an Einsich-
ten und Anwendungsmöglichkeiten,
als diesen selbst bewusst ist“ (S. 114).
Gegen falsche Vereinnahmungen
Smiths weisen Kurz und Sturn darauf
hin, dass Smith ein „Evolutionsöko-
nom“ ist. Seine „hauptsächliche analy-
tische Kategorie ist der Prozess, nicht
das Gleichgewicht“ (S. 172). Schon
aus diesem Grund ist es unzulässig,
Smiths Begriffe von Wettbewerb und
Markt mit der späteren neoklassischen
Konzeption des „vollkommenen Wett-
bewerbs“ gleichzusetzen (S. 102).
Die neue Monografie behandelt wei-
ters die Verteilungstheorie Smiths, sei-
ne Aussagen zu Staatstätigkeit und
Besteuerung, seine Version der Uni-
versalgeschichte seit dem Ende des
Römischen Reiches, und – in sehr
komprimierter Form – seine Wirkungs-
und Rezeptionsgeschichte. Den Ab-
schluss bildet der gelungene Versuch
einer spekulativen Rekonstruktion,
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Wirtschaft und Gesellschaft 39. Jahrgang (2013), Heft 2
        

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