Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2013 Heft 2 (2)

Minderheiten und Minderheiten-
politik
Rezension von: Jost W. Kramer, Robert
Schediwy, Minderheiten. Ein tabu-
belastetes Thema, Lit-Verlag, Berlin
2012, 178 Seiten, broschiert, D 29,90.
ISBN 978-3-643-50418-0.
Jost W. Kramer und Robert Sche-
diwy haben ein wichtiges Buch zu dem
höchst aktuellen Thema „Minderhei-
ten“ geschrieben. Minderheiten sind
ubiquitär, und zwischen Minderheit und
Mehrheit besteht oft ein spannungsge-
ladenes Verhältnis, das auf Gegensei-
tigkeit beruht. Nicht selten sind diese
Spannungen der wahre Grund für op-
ferreiche Konflikte, ja Gräuel, deren
Monströsität jene „konventioneller
Kriege“ oft übersteigt. Häufig jedoch
werden in der politischen Diskussion
ganz andere Ursachen genannt.
Wird es z. B. nicht immer klarer, dass
es sich bei den derzeitigen politischen
und bürgerkriegsähnlichen Unruhen im
arabischen Raum nicht unbedingt um
den Kampf der unterdrückten Mehrheit
für mehr westliche Demokratie han-
delt? Ernst zu nehmende Beobachter
weisen darauf hin, dass es hier viel-
mehr oft um die Ablösung der Hegemo-
nie einer religiösen Gruppe oder eines
Stammes über die anderen gehe. Das
Beispiel zeigt auch, dass nicht immer
die Mehrheitsbevölkerung die Minder-
heiten unterdrückt, sondern dass es
auch durchaus hegemoniale Minder-
heiten und von ihnen diskriminierte, ja
verfolgte Mehrheiten gibt. Die empiri-
sche Relevanz von Konflikten zwi-
schen Mehrheit und Minderheit wird
also nicht immer wahrgenommen.
Die typologische Vielfalt wie auch die
Häufigkeit von Mehrheiten/Minderhei-
ten ist jedoch groß. Kramer und Sche-
diwy meinen, dass es Minderheiten
„oben“ und „unten“ gibt: reiche Han-
delsherren und Großgrundbesitzer
ebenso wie eingewanderte Lohnarbei-
ter oder unfreiwillig rekrutierte Sklaven;
Kolonialadministratoren in eigenen
Stadtvierteln und ausgebeutete Bauar-
beiter in Containern oder anderen
Massenquartieren; friedliche Musikan-
tenclans, organisierte Bettler oder au-
toritäre Polizisten im Sold einer Fremd-
herrschaft; ja selbst solche, die nur
zum Lernen und Studieren gekommen
sind – alles das soll in der Folge nicht in
der fatalen Tradition einseitig psycho-
logisierender Vorurteilsforschung ver-
drängt, sondern möglichst rational
erörtert werden.
Die Autoren vertreten also die Mei-
nung, dass seit Jahrzehnten „die herr-
schende Lehre“ bei der Analyse von
Konflikten das Minderheiten-Mehrhei-
ten-Problem nicht einfach irrtümlich
übersehen, sondern die realiter gege-
bene Vielfalt des Problems wissen-
schaftlich und politisch vereinfachend
auf das auf der psychologischen Ebe-
ne zu klärende Problem der Existenz
von Vorurteilen abgeschoben habe.
Empirische Analyse würde durch mo-
ralische Betrachtung, empirische Ursa-
chenforschung durch moralische Ver-
urteilung (die „Moralkeule“) ersetzt.
Nicht der Existenz von Minderheiten/
Mehrheiten wird eine relevante gesell-
schaftliche Wirkung sui generis zuer-
kannt, sondern ausschließlich den a
priori nicht gerechtfertigten Urteilen
(i. e. Vorurteilen), die sich an der Exis-
tenz entzünden. Sollte es also mit der
Existenz von Minderheiten/Mehrheiten
verbundene Probleme geben, so
müssten diese durch Abbau gruppen-
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Wirtschaft und Gesellschaft 39. Jahrgang (2013), Heft 2
        

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