Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2013 Heft 2 (2)

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39. Jahrgang (2013), Heft 2 Wirtschaft und Gesellschaft
Als Erklärung werden von den Autoren
die Rasanz der Expansion der Minder-
heit einerseits und die Suche der Mehr-
heit nach einem Schuldigen für die De-
mütigungen der Kriegsniederlage 1918
andererseits angeboten.
Sie hätten natürlich auch die These
der konfliktlösenden Wirkung von Assi-
milierung selbst hinterfragen können.
Man könnte ja unter der „Assimilierung
einer Minderheit“ einen Prozess ver-
stehen, an dessen Ende diese Minder-
heit als kulturelle Identität nicht mehr
existiert. Dies dürfte z. B. für die Tsche-
chen in Wien zutreffen. Aric Brauer
meinte einmal in einer seinem Leben
gewidmeten Radiosendung, dass erst
Hitler ihn zum Juden gemacht hätte, er
wäre sich dieser Identität zuvor nicht
bewusst gewesen. Dies traf aber wahr-
scheinlich für die Mehrzahl der Juden
in Mitteleuropa (noch) nicht zu. Sie wa-
ren wohl meist in Habitus und Kultur
angeglichen, hatten aber sehr wohl
noch den Eindruck einer eigenen, von
der Mehrheit unterschiedlichen Identi-
tät, die wert schien, aufrechterhalten
und gepflegt zu werden. Die Mehrheit
duldete das nicht. Fordern Kramer und
Schediwy daher Assimilierung und
meinen Aufgabe der Identität? Die Fra-
ge bleibt offen.
Spannend wäre es vielleicht auch
gewesen, den Fall einer Minderheit zu
behandeln die aus einem existenten
(ausländischen) Mutterland stammt,
welches Interesse hat, die distinkte
Identität der Minderheit zu erhalten und
Schutzmachtfunktion auszuüben. As-
similierung ist dann möglicherweise
eine schwierigere Aufgabe als im Falle
einer „einsamen“ Minderheit. Die Ak-
tualität der Fragestellung in Hinblick
auf die Türkei liegt auf der Hand.
Werner Teufelsbauer
        

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