Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2013 Heft 3 (3)

dürfnissen in Einklang zu bringen ist, die der Kapitalismus geschaffen hat. Diese Frage wurde lange Zeit – vom 16. bis zum 18. Jahrhundert – kaum zur Sprache gebracht. Ungleichheit galt noch immer als naturgegeben, ja gottgewollt. Doch nachdem der revolu- tionäre Aufschwung Ende des 18. Jahrhunderts die Rhetorik von der Gleichheit zu einem kulturellen Symbol gemacht hatte, sobald die Herausfor- derung der Machthaber überall zu se- hen war, konnte die Kluft zwischen Theorie und Praxis nicht mehr einfach ignoriert werden. Es wurde zu einer Priorität für die Machthaber, die Folgen dieses kulturellen Anspruchs einzu- dämmen und somit die nun „gefährli- chen Klassen“ zu bändigen. Der Aufbau des liberalen Staates, so der Autor weiter, war der Rahmen, der diesen Anspruch begrenzen sollte, und die Ausarbeitung moderner Ideologien war wiederum ein grundlegender Me- chanismus für den Aufbau des libera- len Staates. Die große symbolische Geste der Französischen Revolution war die Ab- schaffung aller Titel; alle sollten als Bürger angesprochen werden. Diese Geste sollte die Ablehnung der traditio- nellen Hierarchien zeigen, die Fest- schreibung sozialer Gleichheit in der neuen Gesellschaft, die nun aufgebaut wurde. Die Französische Revolution endete, und die Titel und Anreden wur- den wieder eingeführt, doch der Begriff des „Bürgers“ überlebte. Und mehr als das: Er blühte und ge- dieh, er wurde zum Fundament des li- beralen Staates. Er wurde juristisch auch überall übernommen, sodass man es 1918 weltweit für notwendig er- achtete, den Begriff „staatenloser“ Per- sonen zu erfinden, um, so der Autor, den recht kleinen Teil der Menschheit zu beschreiben, die nirgendwo Staats- bürger waren. Der Begriff des Staatsbürgers sollte einschließend sein: Alle Menschen in einem Staat sollten das Recht haben, am Prozess der kollektiven Entschei- dungsfindung auf dem Feld der Politik teilzunehmen. Daraus folgt, dass je- dem ein Anrecht auf die Sozialleistun- gen zustand, die der Staat zu verteilen hatte. Die Kehrseite der Einbeziehung aller Staatsbürger war der Ausschluss: Jene, die nicht unter diese neue Kate- gorie der Bürger eines Staates fielen, gehörten nun per definitionem zu einer anderen Kategorie – Fremde, Auslän- der. Doch in keinem Staat schränkte die Ausschließung der Ausländer in- nerhalb seiner Grenzen die Zahl der theoretisch einbezogenen Personen stark ein. Genau das war auch das Problem, mit dem die Staaten nach der Französischen Revolution konfrontiert waren. Zu viele Menschen waren Staatsbürger, und das konnte gefährli- che Folgen haben. In der Geschichte des 19. (und des 20.) Jahrhunderts versuchten einige (jene mit Privilegien und Vorteilen) ständig, die Staatsbürgerschaft mög- lichst eng zu definieren, während die anderen versuchten, eine breitere Defi- nition durchzusetzen. Um diese Aus- einandersetzung drehte sich die theo- retische Debatte der Intellektuellen der Jahrzehnte nach 1789. Dies war die Auseinandersetzung, in der sich die sozialen Bewegungen herausbildeten. Die Französische Revolution hatte auch zur Folge, dass revolutionäres Handeln einen Status erlangte, dessen Verheißung – oder Gefahr – sich gleichzeitig qualitativ von Rebellionen unterschied und moralisch damit ver- gleichbar war, worum es zu anderen 461 39. Jahrgang (2013), Heft 3 Wirtschaft und Gesellschaft

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