Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2013 Heft 3 (3)

Zeiten und an anderen Orten bei gro- ßen religiösen Veränderungen ging. Da revolutionäres Handeln zugleich eine Verheißung als auch eine Gefahr darstellte, polarisierte es, und die Pola- risierung bildete den Untergrund für die Politik der nächsten eineinhalb Jahr- hunderte. Die Französische Revolution, so der Autor, war 1815 definitiv zu Ende und ab da nur noch ein politisches Symbol sowie eine kulturelle Erinnerung. Sie hinterließ jedoch dem ganzen Weltsys- tem ein monumentales Erbe: Die Sou- veränität lag nun beim Volk. Das be- deutete, dass die privilegierten Schich- ten sich an dieses giftige Erbe gewöh- nen mussten. Sie hatten dafür zu sor- gen, es institutionell so zu integrieren, dass sein Potenzial für radikale Verän- derung der bestehenden Hierarchien eingedämmt wurde. Nach Wallerstein nahm dieser Pro- zess der Eindämmung drei Formen an: erstens die Kristallisierung dessen, was später „Ideologien“ genannt wer- den sollte, die sich als philosophische Gebäude sahen, aber in Wirklichkeit vor allem politische Strategien waren. Zweitens die Ausarbeitung von be- grifflichen Kategorien für einen neuen Diskurs zur Beschreibung der Welt. Das war anfangs und vor allem das Werk der dominierenden Schichten, die damit den Rahmen der Debatte vorgaben und so die Einschränkungen der Staatsbürgerrechte rechtfertigen wollten. Diese kreative Schaffung von Begriffen wurde schließlich in die Wis- sensstrukturen transformiert und insti- tutionalisiert, die als Sozialwissen- schaften bekannt wurden. Drittens errichteten – anfangs vor al- lem die dominierten Schichten – ein Netzwerk von Organisationen, die als Triebkräfte von Veränderungen dienen sollten, aber gleichzeitig Mechanismen zur Einschränkung von Veränderun- gen waren. Die Zeit von 1815 bis 1848 war eine Periode, in der sich alle unsicher auf diesem veränderten politischen Par- kett zu bewegen schienen. Die Reak- tionäre versuchten, das Rad der Zeit zurückzudrehen und das kulturelle Erdbeben der Französischen Revoluti- on ungeschehen zu machen. Die domi- nierten (und unterdrückten) Schichten ihrerseits suchten nach passenden und effektiven Wegen, sich zu organi- sieren. Und die entstehende liberale Mitte war unsicher, wie sie sich eine passende politische Grundlage zu- rechtzimmern sollte oder könnte, um den Aufruhr unter Kontrolle zu bringen. Sie konzentrierte sich auf den Aufbau liberaler Staaten – zunächst in den mächtigsten Ländern: Großbritannien und Frankreich. Die Weltrevolution von 1848 und ihre unmittelbaren Folgen sollten diese un- geklärten Fragen und Versuche lösen, um das Weltsystem zu stabilisieren und ein gewisses Maß an politischem Gleichgewicht wiederherzustellen. Die Revolution begann auch diesmal in Frankreich und genoss breite Unter- stützung, sowohl von der Mittelschicht als auch von der Arbeiterklasse, von Bonapartisten und selbst von der Kir- che. Sie fand sofort Widerhall in ande- ren europäischen Ländern – in Bel- gien, aber auch in all jenen Ländern, in denen der Nationalismus große Anzie- hungskraft hatte: Deutschland, Italien, Ungarn. Das einzige Land, wo keine Revolution stattfinden sollte, war Eng- land, was sofort damit erklärt wurde, dass die Menschen meinten, dass sie im bestehenden System beim Regie- ren des Landes eine Stimme hätten und diese auch etwas bewirkte. 462 Wirtschaft und Gesellschaft 39. Jahrgang (2013), Heft 3

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