Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2013 Heft 3 (3)

Die Revolutionen von 1848 bildeten die erste Weltrevolution des modernen Weltsystems. Sie fand nicht in allen Teilen des Weltsystems statt. Die Re- volutionäre erreichten auch nicht ihre Ziele; die Revolutionen erlitten im We- sentlichen eine politische Niederlage. Entscheidend ist, dass sich die Revolu- tionen um Fragen des Ausschlusses drehten – den Ausschluss von den Pri- vilegien der Staatsbürgerschaft. 1848 sieht man erstmals deutlich, dass es zwei verschiedene Arten anti- systemischer Bewegungen geben konnte, zwei verschiedene Wege, mit diesem Ausschluss umzugehen: mehr Rechte innerhalb der Nation (d. h. so- ziale Revolution) oder die Trennung ei- ner Volks- oder nationalen Gruppe von der anderen, von der dominierenden (d. h. nationale Revolution). In den liberalen Staaten – in Westeu- ropa und Nordamerika, später auch in Zentraleuropa – kam die Forderung nach Aufnahme in die Staatsbürger- schaft am stärksten von der städti- schen Arbeiterklasse. Ihr Kampf, den sie meist als Kampf des Proletariats gegen die Bourgeoisie und für Sozialis- mus bezeichneten, genoss und ge- nießt bis heute die größte Aufmerk- samkeit. Während der ganzen Zeit – und in der Tat während des ganzen 19. und 20. Jahrhunderts – war die Angst vor den Massen und die Sorge um die Ord- nung ein Motiv, das dem Handeln der herrschenden Klasse ständig zugrun- de lag. Sowohl für die dominierenden Schichten als auch für die Arbeiterklas- se stellte sich ständig die Frage: Wel- che Taktik ist am besten? Aus der Sicht der dominierenden Schichten hatte Unterdrückung ihre Vorteile, schürte jedoch auch die Glut und konnte schließlich Revolten provozieren. Da- her fanden, so der Autor, es in den spä- ten 1860er-Jahren sowohl Napoleon III. als auch die britische Konservative Partei angebracht, bestimmte Be- schränkungen aufzuheben, Arbeiteror- ganisationen bis zu einem gewissen Grad zuzulassen und die Staatsbür- gerschaft de facto etwas breiter zu defi- nieren. Im letzten Drittel des 19. Jahrhun- derts entwickelte sich die Situation wei- ter. Der Sozialismus wurde zu einer mächtigen Bewegung und zu einer mächtigen Idee. Es gab also scheinbar eine beträchtliche Radikalisierung des Klassenkonfliktes, die mit der Pariser Kommune begann; darauf folgte der Aufstieg sozialistischer Parteien und Gewerkschaften, zumindest in allen stärker industrialisierten und wohlha- benderen Teilen des Weltsystems. Es ist heute eine Binsenweisheit, dass diese Bewegungen sich nach 1890 all- gemein entradikalisierten, was darin gipfelte, dass 1914 alle sozialistischen Parteien für den Krieg stimmten (mit den Bolschewiki als besondere Aus- nahme). Das Bild, das die meisten histori- schen Abhandlungen, so der Autor, zu dem Thema bieten, ist eine Kurve der Militanz, die zuerst mit der Mobilisie- rung der Bevölkerung anstieg und dann mit reformistischer Klugheit (oder reformistischem Verrat, wenn man so will) wieder abfiel. Ganz grob gesagt stimmt das auch, doch der Anstieg die- ser Kurve ging wohl nie so weit, wie manche meinen. Für die meisten Forscher, so der Au- tor, fand die Industrielle Revolution zu- erst in England statt und wird üblicher- weise in etwa auf die Zeit zwischen 1760 und 1840 datiert. Danach sei sie in einer Reihe anderer Länder auf dem europäischen Kontinent und in Nord- 463 39. Jahrgang (2013), Heft 3 Wirtschaft und Gesellschaft

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