Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2013 Heft 3 (3)

Die gewaltsame Modernisierung, die Peter I. (1689-1725) seinem Land ver- schrieb, war ein frühes und extremes Beispiel einer Reform von oben. Seine Maßnahmen erfassten alle wesentli- chen Bereiche von Verwaltung, Wirt- schaft, Gesellschaft und Kultur sowie nicht zuletzt des Militärs. Das umfas- sende Reformprogramm nutzte nicht nur die oft drakonische Gewalt der Autokratie, sondern war auf sie ange- wiesen – und darin liegt die Ambiva- lenz der Herrschaft Peters. Der Zar peitschte sein Reich in die europäische Neuzeit. Unbestritten ist dabei, dass es die Bauern – nun eine einheitliche, so- zial-rechtlich definierte und stigmati- sierte Unterschicht – waren, die für die brachiale Modernisierung zu zahlen hatten. Die petrinische Modernisierung „stärkte die Autokratie eher, als dass sie Keime gesellschaftlich-korporativer Eigenständigkeit gelegt hätte, und sie trug trotz der rigiden Dienstpflicht, die sie dem Adel vorübergehend auferleg- te, maßgeblich zur Auslieferung der Bauern an ihre Grundherren bei“ (S. 1332). Auch die Beurteilung der Herrschaft Katharinas II. (1762-1796) fällt ambiva- lent aus. Zum einen war die Autokratie aufgrund der gesteigerten Effektivität der Verwaltung als Folge ihrer Refor- men am Ende des 18. Jhs. stärker als an seinem Beginn. Und entgegen allen aufgeklärten Gedanken über die natür- liche Gleichheit der Menschen erreich- te die Rechtlosigkeit der Leibeigenen (bei nicht wesentlich geänderter mate- rieller Lage) unter Katharina ihren Hö- hepunkt. „Der ‚zweigeteilten Gesell- schaft‘ entsprach ein ‚bürokratisierter‘, von keinerlei politischen Ständen be- drängter Absolutismus russischer Prä- gung“ (S. 693). Zum anderen verweist Hildermeier auf positive Spätwirkungen in der Re- formära Mitte des 19. Jhs.: Ohne die rechtlichen Grundlagen in der Zeit Ka- tharinas bleibt unverständlich, dass Adelige und „Bürger“ sowohl durch die 1864 eingerichteten provinziellen Selbstverwaltungsorgane (Zemstva) als auch die 1870 begründete neue städtische Eigenadministration gleich- sam aus dem Stand eine bemerkens- werte Aktivität entfalteten. In der ersten Hälfte des 19. Jhs. ver- lor Russland aufgrund unterlassener oder nur halbherziger Reformen den Anschluss an Westeuropa und wurde vom Sieger der Napoleonischen Krie- ge zum Besiegten im Krimkrieg, zum vielzitierten „Koloss auf tönernen Fü- ßen“, so könnte man Hildermeiers Re- sümee des fünften Abschnitts (1796- 1855) kurz zusammenfassen. Im Hin- blick auf die politische Verfassung schottete sich Russland unter Alexan- der I. und Nikolaus I. so gründlich ge- gen jede Art von partizipatorisch-kons- titutionellen Bestrebungen ab, dass es auch loyale Kräfte erstickte. Und ob- wohl erste Weichen zugunsten einer modernen industriellen Entwicklung gestellt wurden, verstärkte sich die wirtschaftlich-technische Rückständig- keit gegenüber Westeuropa. Die zari- schen Eliten mussten den Nachholbe- darf an Volksbildung und die finanzielle Armut des Reiches zur Kenntnis neh- men. Was der Autor Nikolaus I. zugute hält, ist, dass in seiner Ära (1825-1855) jene Generation aufgeklärter Bürokra- ten herangezogen wurde, die ab 1856 in Spitzenfunktionen der Verwaltung die Großen Reformstatuten konzipier- ten und umsetzten. Der mit Abstand längste Abschnitt des Bandes, der sechste, ist jener über die zweite Hälfte des „langen 19. Jhs.“ (1855-1917), die Ära der Reformen 467 39. Jahrgang (2013), Heft 3 Wirtschaft und Gesellschaft

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