Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2013 Heft 3 (3)

und Revolutionen, die sich alles in al- lem als Periode der „defensiven Mo- dernisierung“ charakterisieren lässt. 1856 begannen zwei Jahrzehnte der „Großen Reformen“. „Mit der Bauern- befreiung (1861), der Einrichtung der Zemstva (1864), der völligen Umge- staltung des Justizwesens (1864), der Begründung einer neuen Stadtverwal- tung (1870), der Einführung der allge- meinen Wehrpflicht (1874) und der fak- tischen Aufhebung der Zensur (1863) schuf Alexander II. in Verbindung mit einer neuen gezielten Industrialisie- rungs-, Zoll- und Finanzpolitik zweifel- los das Fundament einer sozioökono- mischen, kulturellen und schließlich auch politischen Modernisierung, die das Zarenreich so weit voranbrachte wie nie zuvor“ (S. 1335). Der riskante Entschluss, die Aufhe- bung der Leibeigenschaft, des Eckpfei- lers der gesamten alten Herrschafts- und Sozialordnung, gegen den Wider- stand ihrer traditionellen politisch- sozialen Stütze, des Adels, durchzu- setzen, verdankte sich in erster Linie der Einsicht, dass die alte Ordnung nach dem Debakel des Krimkriegs (1853-1856) nicht mehr haltbar war. Russland sollte wirtschaftlich durch eine Industrialisierung Anschluss an den Westen gewinnen, finanziell ge- sunden und im Zusammenwirken mit einer Heeresreform wieder zu außen- politisch nutzbarer Stärke finden. Zu diesen Zwecken war Alexander II. (1855-1881) bereit, sozialen Wandel einschließlich der Entstehung einer Fabrikarbeiterschaft hinzunehmen, die Nikolaus I. noch unbedingt vermeiden wollte. Die Erkenntnis, dass wirtschaft- liche und soziale Entwicklung eine ef- fektive Verwaltung voraussetzte, schlug sich in der Einführung der Selbstverwaltung in den Gouvern- ments und Städten nieder. Die Zivilge- sellschaft begann sich zu entfalten und trug wesentlich zur Öffnung gegen- über westlichen Ideen, Kultur und Kunst bei. Zugleich bemühte sich das Regime allerdings, die politische Ordnung und Herrschaftsverfassung vom Wandel auszunehmen. An der Autokratie mit ihrer Konzentration aller politisch-ad- ministrativen Macht sollte nicht gerüt- telt werden. Gegen das Herrschaftsmonopol und die bestehende politisch-soziale Ord- nung formierten sich ab den 1870er- Jahren unterschiedliche oppositionell- revolutionäre Bewegungen und Orga- nisationen: Narodniki (Volkstümler), Nihilisten und Marxisten. Die auf Terror setzenden radikalen Oppositionsgruppen waren wohl aus- schlaggebend für eine Reformpause nach zwei Jahrzehnten der Neuerun- gen. Beim Herrscher und seiner Umge- bung setzte sich Misstrauen gegen- über stärkerer Beteiligung selbst des Adels und der städtischen Oberschicht an der Landesverwaltung durch, weil diese Mitwirkung nicht ohne größere Artikulations- und Bewegungsfreiheit zu haben war, diese aber auch von der radikalen Opposition genutzt wurden. Die Generallinie der zarischen Innen- politik änderte sich also schon vor der Ermordung Alexanders II. im März 1881. Dennoch, auch die Gegenreformen von 1889-1892 hoben die ursprüngli- chen Maßnahmen nicht wieder auf. Darin spiegelte sich, dass die delegier- te Mitverwaltung durch die Zemstva und die Stadtdumen längst unverzicht- bar geworden waren. Bei der sog. „Ersten Russischen Re- volution“ von 1905/06 handelte es sich letztlich um die schwerste Autoritäts- 468 Wirtschaft und Gesellschaft 39. Jahrgang (2013), Heft 3

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