Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2013 Heft 3 (3)

und Herrschaftskrise der zarischen Selbstherrschaft seit der Revolte von Puga?ev 1772-1775. Der Aufstand be- zog seine Wucht aus der Tatsache, dass die Autokratie es geschafft hatte, alle bedeutenden sozialen Schichten gegen sich aufzubringen. Große Teile der Oberschichte (Zemstvo-Adel und Intelligenz) und der Unterschichte in Stadt und Land (Arbeiterschaft und Bauern) wandten sich gegen die über- kommene Herrschaftsordnung und klagten spezifische wie allgemeine Forderungen ein. Dies brachte die Autokratie an den Rand des Zusam- menbruchs und zwang Nikolaus II. zu Konzessionen. Der Übergang zu einer konstitutiona- listischen Ordnung durch die Verfas- sung vom April 1906 barg prinzipiell die Chance einer substanziellen Beteili- gung der Gesellschaft, auch wenn die- se auf die Eliten von Besitz und Bildung beschränkt blieb. Zu dieser Einschät- zung trägt auch wesentlich bei, dass die Zivilgesellschaft, die schon in den 1890er-Jahren einen erheblichen Auf- schwung genommen hatte, sich im Ge- folge der Staatskrise noch deutlich dy- namischer entfaltete. Diesen Entwick- lungstendenzen stand freilich entge- gen, dass der Zar und nach Stolypins Tod (1911) ebenso seine Regierung al- les taten, um eine evolutionäre Umge- staltung der politischen Ordnung zulas- ten der Autokratie und zugunsten des Parlaments zu verhindern. Realitäts- blind und rückwärtsgewandt hielten sie in dieser kurzen Erprobungszeit für ei- nen konstitutionellen politischen Pro- zess am Modell der unbeschränkten Selbstherrschaft fest und ließen auch die Konstellation des Burgfriedens nach Beginn des Weltkriegs, die zu Konzessionen geradezu einlud, unge- nutzt. Dass die beschleunigte ökonomische Modernisierung Ende des 19. Jhs. und in den letzten Vorkriegsjahren massive soziale Auswirkungen hatte, ist trivial. Besonders dynamisch entwickelte sich die russische Industrie in den 1880er- und 1890er-Jahren, nicht zuletzt als Folge des ehrgeizigen Bahnbaupro- gramms von Finanzminister Witte. Zu Beginn des 20. Jhs. schwächte sich das Wachstum der Industrieproduktion ab, legte aber nach Ende der revolutio- nären Wirren erneut stark zu. Vor allem in den Hauptstädten und in Zentral- russland prägte die Industrie in dieser Phase bereits das Wirtschaftsleben. Die im Zuge der Industrialisierung in der zweiten Hälfte des 19. Jhs. ent- standenen neuen Gesellschafts- schichten stellten je spezifische An- sprüche an das autokratische Regime: Die FabrikarbeiterInnen forderten hö- here Löhne und bessere Arbeitsbedin- gungen, die Unternehmer staatliche Unterstützung und günstige Rahmen- bedingungen für ihre wirtschaftlichen Aktivitäten sowie die soziale Anerken- nung als neue Elite. Bei beiden Grup- pen traten v. a. nach 1905 zu den so- zialen Forderungen politische hinzu. Der Zusammenbruch der Autokratie im Februar 1917 – so Hildermeiers Zu- sammenfassung – ist ohne den Krieg genauso wenig denkbar wie ohne die liberalen, zuletzt v. a. von den Indus- triellen und von der urbanen akademi- schen Intelligenz getragenen Forde- rungen und ohne die massiven Protes- te der städtischen Fabrikarbeiter- schaft. (Die Bauern hingegen, die den Staat im Herbst 1905 das Fürchten ge- lehrt hatten, waren erst wieder im Som- mer 1917 ein entscheidender kollekti- ver Akteur im politischen Geschehen.) Unter der Last des Krieges wurde die „doppelte Polarisierung“ – der Konflikt 469 39. Jahrgang (2013), Heft 3 Wirtschaft und Gesellschaft

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