Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2013 Heft 3 (3)

zwischen autokratischem Regime und den gesellschaftlichen Eliten zum ei- nen, insbesondere aber der in dieser Situation explosive Konflikt zwischen den städtischen Unterschichten und der Oberschichte zum anderen – dem Zarenreich zum Verhängnis: Im Som- mer 1915 hatte die Autokratie zu wäh- len zwischen einem harten Kurs, der ihre Isolation verstärken würde, oder einem Kompromiss mit der in einem Bündnis zusammengeschlossenen li- beralen Opposition, der selbstver- ständlich einen gewissen Machtverlust bedeutet hätte, aber Rückhalt in der Gesellschaft versprach. Der Zar ent- schied gegen den Kompromiss. Die soziale Krise spitzte sich v. a. seit 1916 als Folge zunehmender Versorgungs- probleme, Teuerung, Arbeitslosigkeit und Massennot in den Städten zu. In dieser doppelten Polarisierung liegt ein grundlegender Unterschied zwischen der Ersten und der Zweiten Russischen Revolution und zugleich auch die tiefere Ursache für die Beseiti- gung der immerhin demokratisch- pluralistischen Ordnung vom Februar 1917 durch den Oktoberumsturz. War die Spaltung der Opposition 1905 im Zeichen liberal-demokratischer Ziele gegen den gemeinsamen Gegner noch vermieden worden, trat sie im Fe- bruar 1917 offen zutage. „… (D)er Fe- bruar enthielt bereits den Keim des Ok- tobers. Das Dumakomitee nahm den Sieg gleichsam aus der Hand der auf- ständischen Arbeiter entgegen; neben das Parlament und seine Exekutive trat der Sowjet“ (S. 1082). Die Doppelherr- schaft, die damit begann, ging erst mit dem Oktoberumsturz der Bolschewiki und der gewaltsamen Auflösung der Konstituierenden Versammlung durch dieselben Anfang Jänner 1918 zu Ende. (Bei den Wahlen zur Konstituan- te Ende November 1917 hatten die Bolschewiki gerade 25% erreicht, alle anderen sozialistischen Parteien 62%; von 715 Abgeordneten waren nur 183 Bolschewiki.) Dieser Staatsstreich im Taurischen Palais von Petrograd bedeutete, dass in Russland das Experiment eines oli- garchisch-diktatorischen Einparteien- staates samt monopolistisch und totali- tär gesteuerter Gesellschaft begann, das nahezu ein Dreivierteljahrhundert währen sollte und dessen katastropha- le Folgen für die russische Bevölke- rung und weit darüber hinaus sich selbst heute noch nicht vollständig ein- schätzen lassen. Auf den letzten Seiten seines Werks wendet sich Hildermeier einem seiner theoretischen Spezialgebiete zu, näm- lich dem Konzept der „Rückständig- keit“. Wie dieser Begriff fruchtbar ge- macht werden kann, hat der Autor am russischen Beispiel bereits 1987 auf- gezeigt. Er plädiert hier nun dafür, die vielbeschworene russische Rückstän- digkeit von ihrer normativ-teleologi- schen Belastung zu befreien, und zeigt, dass die Rezeption europäischer Ideen in Russland auf ganz unter- schiedliche Weise erfolgte, wobei er sieben verschiedene Kategorien der Rezeption darlegt, von der „Assimilati- on“ bis zur „Verschränkung“. Dieser Leser zieht ehrfürchtig den Hut vor der gewaltigen Leistung des Autors, die sich einer herkömmlichen Besprechung entzieht. Mit den beiden Bänden Hildermeiers verfügen wir nun über ein verlässliches Standardwerk zur russischen Geschichte in deut- scher Sprache, dessen epische Di- mension nicht nur im schieren Umfang, sonern auch im umfassenden Zugriff deutlich wird, das den aktuellen For- schungsstand kritisch würdigt und für 470 Wirtschaft und Gesellschaft 39. Jahrgang (2013), Heft 3

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