Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2016 Heft 4 (4)

Wirtschaft und Gesellschaft

Helikoptergeld zur Überwindung
der Wachstumsprobleme
in Europa?
Rezension von: Adair Turner, Between Debt and the Devil: Money, Credit,
and Fixing Global Finance, Princeton
University Press, Princeton 2015,
302 Seiten, gebunden, A 22,95;
ISBN 978-0-691-16964-4.

Die Ursachen für die Krise 2008/09
liegen in einem rapiden Anstieg der
Verschuldung des Privatsektors im Zusammenhang mit der ab den 1980erJahren einsetzenden Deregulierung eines an Komplexität, Größe und Instabilität gewinnenden Finanzsektors. Der
in den Jahren nach der Finanzkrise bestehende
Privatschuldenüberhang
drückte die Wirtschaftsleistung nach
unten und führte – im Zusammenhang
mit einer weit hinter ihren Möglichkeiten zurückbleibenden geld- und fiskalpolitischen Stimulierungspolitik – zu
anhaltend unzureichender Nachfrage,
hoher Arbeitslosigkeit und in eine
Schuldendeflationsspirale.
Deshalb
muss es wirtschaftspolitisch aktuell
darum gehen, Optionen zu ergreifen,
mit denen zusätzliche Nachfrage geschaffen werden kann, um die Arbeitslosigkeit abzubauen und den Deflationskräften entgegenzuwirken, die bereits voll Fahrt aufgenommen haben.
Was nach einer dezidiert heterodoxen Sichtweise auf die Entstehung der
Krise und Möglichkeiten zu ihrer Überwindung klingt, ist der analytische Unterbau des vorliegenden Buches von
Adair Turner, einem Technokraten mit
langjähriger Erfahrung als Bankmanager und Finanzmarktregulierer. Turner
690

42. Jahrgang (2016), Heft 4

war von 2008 bis 2013 Vorsitzender
der britischen Finanzmarktaufsichtsbehörde; zudem stand er dem zentralen
Politikkomitee des „International Financial Stability Board“ vor. Somit war
Turner, der mittlerweile am „Institute
for New Economic Thinking“ aktiv ist,
im Zuge der Finanzkrise eine Schlüsselfigur bei der Initiierung und Umsetzung von Reformen der FinanzmarktRegulierungsarchitektur.
Turner ist einer der wenigen „Insider“, welche den ökonomischen Mainstream vehement herausfordern. Zum
einen, indem er offen davon spricht,
dass die Aktivitäten der Finanzmärkte
zu einem erheblichen Teil sozial
schädlich waren; und zum anderen
durch seine kritische Einschätzung zu
den Finanzmarkt-Regulierungsbemühungen der letzten Jahre: „[O]ur reforms failed to address the fundamental issues, and […] we were wrong to
assume that economies would recover
if only we would restore confidence in
the banking sector.“ (S. xii)

Aufgeblasener Finanzsektor,
gefährliche Privatverschuldung
Turner gibt am Anfang des Buches
unumwunden zu, dass er die Finanzkrise nicht hatte kommen sehen. Damit
ist er zweifelsohne nicht alleine, denn
der ökonomische Mainstream war
nicht dazu in der Lage, die Verwerfungen an den Finanzmärkten und ihre
realwirtschaftlichen Auswirkungen im
Voraus auch nur als Möglichkeit zu erwägen. Der Grund dafür liegt, wie Turner in den ersten Kapiteln des Buches
aufzeigt, zu erheblichem Teil in der
ökonomischen Standardtheorie, welche die Existenz effizienter Finanzmärkte postuliert.
Der Glaube an die Selbstregulie-
        

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