Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2016 Heft 4 (4)

42. Jahrgang (2016), Heft 4

rungskräfte der Finanzmärkte war
auch die Grundlage dafür, dass Finanzmarktregulierungsbehörden, Zentralbanken und akademische ÖkonomInnen davon ausgegangen waren,
dass zunehmende Finanzmarktaktivitäten und innovative Finanzpraktiken
(Verbriefung und Derivate) die Kapitalallokation verbessern: Das Finanzsystem mache die Wirtschaft nicht nur effizienter, sondern auch sicherer, was zu
erheblichen sozialen Wohlfahrtsgewinnen führe.
Turner hält dagegen: Moderne Finanzsysteme, die weitgehend ihrer
Selbstregulierung überlassen werden,
kreieren exzessive Verschuldungspositionen im Privatsektor und besonders
fragile
Finanzmarktkonstellationen.
Zur empirischen Untermauerung verweist er bspw. auf Reinhart und Rogoff
(2013), die gezeigt haben, dass die Privatverschuldung gemessen an der
Wirtschaftsleistung in entwickelten
Volkswirtschaften vor allem von den
1980er-Jahren bis zur Finanzkrise
stark angestiegen war. Zudem diskutiert Turner im Zahlendetail die zunehmende Komplexität, das explodierende quantitative Ausmaß und die Kreditintensität von Finanzmarktaktivitäten.
Ein wichtiges Beispiel sind Derivatprodukte, zu denen bspw. jene verbrieften, forderungsbesicherten Wertpapiere (asset backed securities) gehören, die maßgeblich zur Entwicklung
der Finanzkrise 2008/2009 beitrugen:
„Trading in derivatives played a minimal role in the financial system of 1980,
but it now dwarfs the size of the real
economy; from zero in 1980, the total
notional value of outstanding interest
rate derivative contracts had soared by
2007 to more than $400 trillion, about
nine times the value of global GDP.“
(S. 25)

Wirtschaft und Gesellschaft

Die Regulierungsverantwortlichen
versuchten nicht, dieser steigenden Finanzkomplexität durch strengere Regulierungen entgegenzuwirken; denn
sie hingen ja dem Glauben an, dass
mehr und komplexere Finanzwirtschaft
uneingeschränkt gut für die Wirtschaft
sei. Die ersten Kapitel können vor diesem Hintergrund als prominentes mea
culpa eines langjährigen Finanzmarktund Regulierungs-Insiders gelesen
werden: Wir glaubten an die heilsamen
Kräfte vollkommener Finanzmärkte,
aber wir lagen falsch. Denn tatsächlich
waren die Netto-Wohlfahrtseffekte
stark steigender Finanzmarktaktivitäten deutlich negativ. Diese Erkenntnis
ist in heterodoxen Kreisen, die sich
schon lange mit den gesamtwirtschaftlichen Effekten von Finanzialisierung
beschäftigen, natürlich nicht neu; aus
der Feder Turners, der seit vielen Jahren ein prominentes Mitglied in Zentralbank- und Finanzbranchekreisen ist,
erscheint sie jedoch durchaus als bemerkenswert.
Aus der Diagnose, dass ein zu hoher
Bestand an Privatverschuldung das
Hauptproblem darstellt, leitet Turner
folgende Überlegungen ab: Erstens
müssen Maßnahmen getroffen werden, die exzessives Kreditwachstum
einschränken. Dabei bezieht er sich
hauptsächlich darauf, was in Zentralbankkreisen als makroprudenzielle
Regulierung diskutiert wird – ein Begriff, der bspw. höhere Eigenkapitalanforderungen für Finanzinstitutionen,
striktere Kreditbeschränkungen bei der
Finanzierung von Vermögenswerten
und Mindeststandards für Hypothekendarlehen einschließt.
Zweitens müssen laut Turner jene
Faktoren adressiert werden, welche
die Neigung moderner Finanzsysteme
zur Schaffung exzessiver Verschul691
        

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