Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2016 Heft 4 (4)

42. Jahrgang (2016), Heft 4

Turners Vorschlag: Helikoptergeld
Vor diesem Hintergrund von nur sehr
eingeschränkt zur Verfügung stehenden geld- und fiskalpolitischen Hebeln
argumentiert Turner folgendermaßen:
Jene Länder, die sich derzeit mit einer
drückenden Schuldenlast bei niedrigem Wachstum, hoher Arbeitslosigkeit, aber auch sehr niedrigen Zinsen
gegenübersehen, sollten eine „radikale“ Politikoption ergreifen: Die Zentralbank sollte Geld drucken, und die Regierung sollte dieses Geld – wie über
einen Helikopter – an die Menschen
verteilen. Die mit dem Helikoptergeld
getätigten Ausgaben würden das nominelle BIP erhöhen und dadurch zu
einem Mix von höherem realen Output
und höherer Inflation führen.
Turner bringt das Beispiel, dass eine
Regierung z. B. allen StaatsbürgerInnen 1.000 Euro per elektronischem
Transfer auf ihre Bankkonten überweisen könnte; die Finanzierung käme
von der Zentralbank. Die Regierung
könnte mit dem „gedruckten“ Geld aber
natürlich auch Steuersenkungen oder
zusätzliche öffentliche Ausgaben finanzieren.1 Ungeachtet der genauen
Ausgestaltung würde der Einsatz von
Helikoptergeld jedenfalls die gesamtwirtschaftliche Nachfrage stimulieren.
Die Grundidee ist, das Geld sofort in
die Hände jener zu geben, die es ausgeben, um so auf direktem Weg nominelles BIP zu schaffen – statt durch
den Kauf von Staatsanleihen und anderen Wertpapieren, die zu niedrigeren
Zinsen führen und damit über unsichere, indirekte Kanäle Investitionen und
Konsumausgaben anregen sollen.
Helikoptergeld könnte zudem effektiv
für eine Abschreibung von unhaltbar
hohen Staatsschulden eingesetzt werden; nämlich indem die Zentralbank

Wirtschaft und Gesellschaft

Staatsanleihen aufkauft und diese auf
der Vermögensseite ihrer Zentralbankbilanz durch einen unbefristeten, nicht
zinstragenden Kredit ersetzt, der jedoch von der Regierung niemals zurückbezahlt werden müsste. So ließen
sich die Staatsschuldenquoten reduzieren, was zu abnehmendem Budgetkonsolidierungsdruck und damit zu
mehr Spielraum für expansive Wirtschaftspolitik führen würde – was angesichts von Deflationsdruck und anhaltend hoher Arbeitslosigkeit dringend erforderlich wäre.
Monetäre Staatsfinanzierung ist laut
Turner angesichts des weiterhin bestehenden Privatschuldenüberhangs die
einzige Möglichkeit, um Wirtschaftswachstum zu generieren, das nicht
neuerlich – wie in der Vorkrisenzeit –
auf einem weitaus gefährlicheren Anstieg der Privatverschuldung beruht.
Turners Vorschlag rührt in konservativen Zentralbankkreisen freilich an Tabus: Die vehemente Opposition hat
stets die Warnung parat, dass monetäre Staatsfinanzierung quasi naturgesetzlich zu exzessiven Budgetdefiziten
und galoppierender Inflation führe. Monetaristische ÖkonomInnen wie der
deutsche Bundesbankpräsident Jens
Weidmann sehen einen monetär finanzierten fiskalpolitischen Stimulus der
Nachfrage schlicht als Entwertung der
Währung und damit als einen „Akt des
Teufels“. Gegner von Helikoptergeld
ziehen sich regelmäßig auf die Position
zurück, dass direkte Staatsfinanzierung der EZB durch die EU-Verträge
untersagt ist.
Allerdings haben angesichts der bestehenden globalen Nachfrageschwäche mittlerweile auch prominente
Mainstream-Ökonomen wie Ben Bernanke, Willem Buiter und Brad DeLong
für einen durch die Zentralbank finan693
        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.