Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2016 Heft 4 (4)

Wirtschaft und Gesellschaft

42. Jahrgang (2016), Heft 4

weiternde und damit tendenziell positive Wirkungen auf die Beschäftigung
zugestanden werden. Um von quantitativen Beschäftigungseffekten zu
Auswirkungen auf die Einkommensverteilung zu kommen, wird in der
Mainstream-Literatur davon ausgegangen, dass durch den Einsatz neuer
Technologien die Nachfrage nach hoch qualifizierten Arbeitskräften steigt
und damit deren relative Löhne. Dieser Ansatz greift allerdings zu kurz, um
die Auswirkungen des technologischen Wandels auf die Einkommensverteilung wirklich zu erfassen, was in Kapitel 3.3 und 3.4 thematisiert wird.
In Abhängigkeit von der Betrachtungsebene (Unternehmen, Branche,
Gesamtwirtschaft) und der Operationalisierung der Innovationsprozesse
(bspw. Digitalisierung und Automatisierung oder Investitionen in den Wissenskapitalstock des Unternehmens) gestalten sich die Zusammenhänge
rund um Freisetzungs- und Kompensationseffekte komplexer.4 So können
arbeitsproduktivitätssteigernde Innovationen im Produktionsprozess nicht
nur Arbeit freisetzen (Substitutionseffekt), sondern – wettbewerbliche
Marktstrukturen unterstellt – über die Weitergabe von Kostenvorteilen
auch ein Sinken der Preise zur Folge haben. Daraus lässt sich – der neoklassischen Theorie folgend – ein Anstieg der nachgefragten Menge an
Gütern erwarten, der wiederum zu positiven Beschäftigungseffekten führen kann (Preiseffekt). Dies könnte also zumindest teilweise eine Kompensation der ursprünglichen Freisetzung zur Folge haben. Ebenfalls der neoklassischen Theorie folgend würde auf Basis von Substitutionseffekten
steigende Arbeitslosigkeit zudem ein Fallen der Reallöhne auslösen, was
mit einem direkten Anstieg der Beschäftigung über die Verbilligung des
Faktors Arbeit verbunden wäre (Reallohneffekt). Jedoch wird in dieser Argumentationslinie ein wichtiger Aspekt außer Acht gelassen: geringere
Reallöhne und die damit einhergehenden Einkommensverluste führen
u. U. auch zu einer geringeren effektiven Nachfrage. Damit würde der positive Beschäftigungseffekt, hervorgerufen durch die Verbilligung des Faktors Arbeit, abgeschwächt oder sogar aufgehoben werden können.
Produktinnovationen können ebenfalls sowohl substituierende als auch
kompensierende Effekte auf die Beschäftigung nach sich ziehen. Erstere
entstehen durch die möglicherweise disruptive Wirkung auf bestehende
Märkte, Letztere durch die steigende Nachfrage nach neuen Produkten.
An dieser Stelle wird die Schnittmenge der beiden Innovationsbegriffe
deutlich. Neue Prozesse verändern oft die Charakteristika von Produkten,
und die Herstellung neuer Produkte beruht oft auf der Einführung neuer
Produktionsprozesse. Ob Produktinnovationen eine positive Wirkung auf
Nachfrage und Beschäftigung haben, hängt letztlich davon ab, in welchem
Ausmaß es sich bei den Produkten um Substitute oder Komplemente zum
bisherigen Produktportfolio handelt (siehe Abbildung 1).
Die bisher postulierten Wirkungszusammenhänge basieren jedoch u. a.
auf der Annahme vollkommener Konkurrenz und klammern damit Auswir594
        

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