Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2016 Heft 4 (4)

Wirtschaft und Gesellschaft

42. Jahrgang (2016), Heft 4

3.2 Technologischer Wandel und Einkommensverteilung
Wie sich quantitative Beschäftigungseffekte auf die Einkommensverteilung auswirken, wird in der Literatur oft mit dem skill-biased technological
change (SBTC) erklärt. Dieser intensiv untersuchten Hypothese zufolge14
sind neue Technologien und hoch qualifizierte Arbeitskräfte komplementär, wodurch deren Produktivität im Vergleich zur Produktivität niedrig
Qualifizierter steigt, was wiederum die relative Nachfrage nach hoch qualifizierter Arbeit und deren relative Löhne erhöht. Auf diese Weise wird die
Einkommensverteilung zwischen verschiedenen Qualifikationsgruppen
über die eingesetzten Technologien beeinflusst.
Ein anderer Ansatz zur Erklärung von Einkommensungleichheiten in Zusammenhang mit neuen Technologien geht davon aus, dass technischer
Fortschritt durch einen routine-biased technological change (RBTC) gekennzeichnet ist (Autor et al. [2003]). Im Gegensatz zur SBTC-Hypothese
liegt der Fokus nicht auf der Qualifikation der Arbeitskräfte, sondern auf
der technischen Substituierbarkeit der ausgeführten Tätigkeiten.
Bei diesem Ansatz wird angenommen, dass Arbeitsprozesse die Ausführung unterschiedlicher Tätigkeiten erfordert, von denen einige leichter
(Routine-Tätigkeiten) und andere schwerer (Nichtroutine-Tätigkeiten) automatisierbar sind. Zu den schwer automatisierbaren Nichtroutine-Tätigkeiten gehören einerseits „abstrakte“ Aufgaben, die Kompetenzen wie
Problemlösung, Kreativität, Intuition oder Überzeugungskraft erfordern.
Diese abstrakten Aufgaben findet man häufig in technischen oder Managementberufen, für deren Ausübung hohe Qualifikationen erforderlich
sind. Andererseits gehören zu den Nichtroutine-Tätigkeiten „manuelle“
Aufgaben, die z. B. persönliche Interaktion, situationsbedingtes Handeln
und visuelle und sprachliche Wahrnehmung erfordern. Manuelle Nichtroutine-Tätigkeiten sind typisch für Berufe in Bereichen der persönlichen
Dienstleistungen wie z. B. Pflege oder Reinigung, zu deren Ausübung
meistens nur geringe formale Qualifikationen erforderlich sind. Vom RBTC
profitieren Berufe mit einem hohen Anteil an Nichtroutine-Tätigkeiten, die
üblicherweise am unteren (eher „manuelle“ Tätigkeiten) und oberen (eher
„abstrakte“ Tätigkeiten) Ende der Qualifikationsskala angesiedelt sind. Zu
den Verlierern des RBTC gehören Berufe, die ein mittleres Qualifikationsniveau erfordern, da diese einen hohen Anteil an leicht automatisierbaren
Routine-Tätigkeiten aufweisen, z. B. einfache kognitive Aufgaben wie Berechnungen im Rahmen der Buchführung oder administrative Aufgaben.15
Daraus folgt, dass RBTC zu einer Polarisierung des Arbeitsmarktes
führt, d. h. die Beschäftigungsanteile in den Berufen am Ende und am Anfang der Qualifikationsskala steigen, während die Beschäftigungsanteile
in der Mitte der Qualifikationsskala sinken. Tatsächlich haben einige Untersuchungen die Polarisierung der Beschäftigungsstruktur empirisch be602
        

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