Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2017 Heft 2 (2)

Anpassungen in den betreffenden Be-
trieben und zwischen den Betrieben
nach sich, also organisatorischen Fort-
schritt. Grundlegende Aspekte der
Ökonomie veränderten sich radikal;
vor allem mussten Fabriken nicht mehr
in Wassernähe liegen, und die Ener-
gieerzeugung ließ sich konzentrieren.
Die oben angeführten ökonomischen
Gründe für die Mechanisierung der
Textilproduktion in England waren
ganz andere als jene für die Erste In-
dustrielle Revolution in England und in
der Folge in Kontinentaleuropa: Nur im
frühneuzeitlichen Europa (genauer ge-
sagt, im westlichen, katholisch bzw.
protestantisch geprägten Teil Europas)
waren jene Grundlagen der modernen
Wissenschaft und jene politischen und
gesellschaftlichen Institutionen ge-
schaffen worden, die es möglich mach-
ten, spezifische wissenschaftliche Fra-
gen zu lösen und bestimmte techni-
sche Herausforderungen zu bewälti-
gen. Die handelskapitalistischen Ge-
sellschaften wie England und die Nie-
derlande waren Hochlohnwirtschaften,
was arbeitssparenden technischen
Fortschritt begünstigte, und verfügten
über entwickelte Finanzinstitutionen,
welche die Mobilisierung von Kapital
ermöglichten und verbilligten.
Die Zweite Industrielle Revolution
Voraussetzung der Zweiten Indus-
triellen Revolution war die Energieer-
zeugung durch kohlebetriebene
Dampfmaschinen. Auf der Grundlage
dieser Allzwecktechnik erfolgte ein
scheinbar unablässiger Strom techni-
scher Neuerungen, der in der zweiten
Hälfte des 19. Jh. mit Fortschritten bei
der Stahlherstellung, der Entstehung
einer Werkzeugmaschinenindustrie,
der Entwicklung der Chemieindustrie,
der Nutzung von Erdöl und der Elektrifi-
zierung industrieller Produktion und ur-
baner Räume begann. Die intensivierte
Mechanisierung und die damit verbun-
denen organisatorischen Innovationen
(Fließbandfertigung usw.) ermöglich-
ten im frühen 20. Jh. in vielen indus-
triellen Branchen eine Massenproduk-
tion standardisierter Sachgüter.
Die Zweite Industrielle Revolution
markierte überdies den Beginn der un-
mittelbaren und systematischen An-
wendung wissenschaftlicher For-
schung in der Industrie. Die Kapital-
mengen, die erforderlich waren, um in
Schwerindustrien Fabriken zu errich-
ten, gingen weit über das hinaus, was
für den Markteintritt in der Textilindus-
trie benötigt wurde. Im Eisenbahnwe-
sen übernahmen in Europa in vielen
Fällen die nationalen Regierungen Fi-
nanzierung und Organisation. Die im-
mer gewichtigere Rolle des Staates bei
der Finanzierung der Infrastruktur und
die zunehmende Größe privater Unter-
nehmungen in den modernsten Indus-
triebranchen waren zwei bedeutende
Merkmale des europäischen Industrie-
kapitalismus des späten 19. und frühen
20. Jh.
Industrie- und Finanzkapitalismus
In seiner umfassenden Analyse der
Entwicklung des Kapitalismus und des-
sen intellektueller Geschichte in Euro-
pa und Nordamerika „Conceptualizing
Capitalism: Institutions, Evolution, Fu-
ture“ (2015, S. 259) definiert Geoffrey
M. Hodgson Kapitalismus anhand von
sechs Merkmalen:
? 1. A legal system supporting
widespread individual rights and
liberties to own, buy, and sell pri-
vate property.
? 2. Widespread commodity ex-
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43. Jahrgang (2017), Heft 2 Wirtschaft und Gesellschaft
        

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