Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2017 Heft 2 (2)

Mit der Etablierung des Industrieka-
pitalismus ging ab der 2. Hälfte des 19.
Jh. eine neue globale Arbeitsteilung
einher, die sich deutlich von den Mus-
tern globaler Arbeitsteilung früherer
Perioden unterschied. Die wenigen in-
dustrialisierten Regionen Europas und
Nordamerikas sowie teilweise auch Ja-
pans (Ausfuhr industriell gefertigter
Textilien in andere asiatische Länder)
spezialisierten sich auf den Export von
Industriewaren. Die übrigen Regionen
Europas und Nordamerikas sowie die
Volkswirtschaften Asiens, Lateinameri-
kas und Afrikas führten landwirtschaft-
liche Produkte und Rohstoffe aus.
Die Industrialisierung Japans
Das erste nichtwestliche Land, dem
eine nachhaltige Industrialisierung ge-
lang, war Japan. Im Zuge der Meiji-
Restauration (1868-90) übernahm Ja-
pan westliche politische Institutionen
und westliche Rechtsinstitutionen (u. a.
Zivil- und Unternehmensrecht). Die ja-
panische Industrialisierung im späten
19. Jh. fußte auf einer gut entwickelten
Handelsökonomie, auf den hoch entwi-
ckelten handwerklichen, gewerblichen
und insbesondere auch metallurgi-
schen Kenntnissen sowie ganz allge-
mein auf Institutionen und Praktiken
des 18. Jh., mit deren Hilfe Unterneh-
mer, Fachkräfte und Beamte in der
Lage waren, sich neue Techniken aus
dem Westen anzueignen. Der japani-
sche Staat verfolgte entschlossen und
zielstrebig die Vision einer wirtschaftli-
chen Entwicklung nach westlichem
Grundmuster mit freilich wesentlichen
Adaptionen an die Umstände im Insel-
reich:
„Im Vergleich zu Europa und insbe-
sondere zu den USA waren japanische
Fabriken kleiner und arbeitsintensiver,
und sie hingen stärker von den Fähig-
keiten ab, welche die Arbeitskräfte aus
ihren Erfahrungen in Agrarhaushalten
mitbrachten, wo sie deutlich vielfältige-
re Tätigkeiten verrichtet hatten, als das
im ländlichen Umfeld in Europa üblich
war.“ (S. 365)
Der Staat baute moderne Fabrikin-
dustrien auf und verkaufte diese an-
schließend an eine kleine Zahl sehr
großer Unternehmensgruppen (zaibat-
su). Letztere verbanden im Bereich der
Sachgüterproduktion industrielle Groß-
unternehmen und eine Vielzahl kleiner
gewerblicher Produzenten und setzten
ihre traditionellen Handelsgeschäfte
fort. Sie förderten den Export leichtin-
dustrieller Waren, insbesondere von
Textilien, in andere asiatische Länder
und entwickelten auf der Grundlage
westlicher Techniken Schwerindus-
trien für den Binnenmarkt. Die Devi-
senerträge aus den Textilexporten
konnten für den Import von westlichen
Kapitalgütern verwendet werden.
Aufgrund seiner eindrucksvoll ge-
stärkten politischen, wirtschaftlichen
und militärischen Position (und seiner
peripheren Lage) vermochte Japan
1899 das in Form von ungleichen Ver-
trägen aufgezwungene handelspoliti-
sche Regime abzuschütteln und die
Zollautonomie zurückzugewinnen.
Dies war für die industrielle Fortent-
wicklung entscheidend, versetzte es
Japan doch in die Lage, hohe Zölle zu
verhängen, unter deren Schutz sich
Schwerindustrie, Rüstungsindustrie,
Maschinenbau und chemische Indus-
trie entwickeln konnten.
Der japanische Kapitalismus stellte
somit keineswegs eine Kopie des
westlichen dar. Im Mittelpunkt standen
die zaibatsu und die engen Beziehun-
gen zwischen Staat und Unterneh-
mensgruppen, in gesellschaftlicher
323
43. Jahrgang (2017), Heft 2 Wirtschaft und Gesellschaft
        

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