Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2017 Heft 3 (3)

mäßig schmäleren Mittelschicht vor
der Wirtschaft- und Finanzkrise dage-
gen tatsächlich einen Aufholprozess
durch – der zum Teil allerdings seither
in einen Rückfall gemündet ist: Gerade
die Mittelschicht von Ländern wie Spa-
nien, Griechenland, Zypern, Estland
oder Slowenien schrumpft seit 2008
besonders deutlich.
Zwei weitere, klare Erkenntnisse aus
dem Vergleich der EU-Staaten sind al-
lerdings zentral für die Botschaft des
Buches: Erstens schrumpfte die Mittel-
schicht nach der Krise tendenziell so-
wohl als Anteil an allen Haushalten als
auch gemessen an deren Anteil am ge-
samten Einkommen. Und zweitens gab
es einen Zusammenhang zwischen ei-
ner schrumpfenden Mittelschicht und
steigender Ungleichheit an den äuße-
ren Rändern der Einkommen (gemes-
sen durch die 90/10-Perzentilsrelati-
on).
Übliche Determinanten in herkömm-
lichen Analysen der Mittelschicht sind
die Erwerbsquote, die Anzahl von Er-
werbstätigen pro Haushalt, das Pen-
sionsalter, Ausbildung und Haushalts-
zusammensetzung, Migration, das
Steuersystem und die Einkommens-
verteilung. Öfter vernachlässigt wird
die Arbeitslosenrate, ein Fehler, den
dieses Buch nicht begeht – die meisten
Beiträge beziehen die Arbeitslosigkeit
explizit als einen erklärenden Faktor
mit ein.
Interessant ist in diesem Zusammen-
hang hauptsächlich die Einkommens-
verteilung. Vor allem bei der funktiona-
len Einkommensverteilung – wo stag-
nierende Einkommen einer weiter stei-
genden Produktivität gegenüberste-
hen – zeigt sich, dass der Anteil der
Mittelschicht am Gesamtkuchen sinkt.
Bei der personellen Einkommensver-
teilung wuchs das Einkommen der un-
teren Einkommensschichten am
schwächsten beziehungsweise
schrumpfte am stärksten, danach
kommt das Wachstum der Einkommen
der Mittelschicht, und am stärksten
wuchsen die oberen Einkommen, wie
auch die OECD (2015) feststellte. Nur
einzelne, vor allem osteuropäische
Länder vor der Krise weisen einen U-
förmigen Verlauf der Wachstumsraten
auf, also am schwächsten wachsende
Einkommen bei der Mittelschicht. In
manchen Ländern, vor allem in den
Niederlanden, hat diese Entwicklung
dazu geführt, dass sich die Mittel-
schicht zunehmend verschuldet.
Des Pudels Kern im Beitrag der ILO-
AutorInnen sind die politischen Arbeits-
marktfaktoren, die auf die beschriebe-
nen ökonomischen Aspekte einwirken:
Zunächst wird die Polarisierung des
Arbeitsmarktes durchaus breiter als in
ökonomischen Standardtheorien zu
qualifikationsverzerrtem technologi-
schen Fortschritt verstanden. Der Blick
auf Branchen und nicht nur Berufe
macht es möglich, den Rückgang des
Industriesektors und somit die Frage
der Industriepolitik als Arbeitsmarktpo-
litik und Verteilungspolitik zu verste-
hen. Weiters führen die AutorInnen die
Ausweitung atypischer Beschäfti-
gungsverhältnisse aufgrund der politi-
schen Arbeitsmarktreformen der
1990er als einen Grund für die
schrumpfende Mittelschicht an. Die
Länderkapitel beschreiben im Detail,
wie befristete Arbeitsverträge, (unfrei-
willige) Teilzeitarbeit, Leiharbeit, unkla-
re Arbeitsverhältnisse und auch „neue
selbstständige“ Arbeit (von den Auto-
rInnen hart als fingierte oder betrügeri-
sche selbstständige Arbeit bezeichnet)
zunehmend die Mittelschicht betreffen.
Diese ökonomische Unsicherheit und
die Erwerbsunterbrechungen können
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Wirtschaft und Gesellschaft 43. Jahrgang (2017), Heft 3
        

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