Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2017 Heft 3 (3)

nicht nur zu Abstiegsängsten führen,
sondern auch zu einer realen Ausdün-
nung der Mittelschicht nach unten.
Drittens erklärt der Abbau von Ge-
werkschaftsmacht, der mit einem rück-
läufigen Abdeckungsgrad von Kollek-
tivverträgen einherging, die Schwä-
chung der Mittelschicht. Das fand ei-
nerseits in von der Krise besonders be-
troffenen Ländern wie Griechenland,
Spanien und Irland statt, andererseits
mit längerfristigen Tendenzen in
Deutschland, Großbritannien und Ita-
lien. Ausnahmen mit stabilem sozialen
Dialog sind Belgien, Frankreich, die
Niederlande und Schweden; auch
Österreich wäre hier wohl dazuzuzäh-
len.
Schließlich spielt Beschäftigung im
öffentlichen Sektor für die Mittelschicht
eine zentrale Rolle. Während dessen
Aufstockung in den vorangegangen
zwei Jahrzehnten den Ausbau der Mit-
telschicht unterstützte, mündete die
Austeritätspolitik, die bald nach der Kri-
se einsetzte, unter anderem in Null-
lohnrunden und Stellenkürzungen im
öffentlichen Dienst. Zusätzlich zu einer
Reduktion dieser typischen Mittel-
schicht-Beschäftigungsbereiche wur-
de auch ihre Struktur verändert – so
nahmen befristete Arbeitsverhältnisse
im öffentlichen Sektor und die Ausglie-
derung vormals öffentlich erbrachter
Leistungen zu, und Stellenvorrückun-
gen und die Laufbahnentwicklung wur-
den gebremst. Besonders stark betraf
diese Auswirkungen südeuropäische
Länder wie Spanien und Griechenland,
aber auch Großbritannien. Die Auswir-
kungen etwa im Bildungs- und Ge-
sundheitssystem treffen die Mittel-
schicht sowohl als ArbeitnehmerInnen
als auch als NutzerInnen öffentlicher
Leistungen. Diesen Aspekt der politi-
schen Veränderungen führen die ILO-
AutorInnen verständlicherweise nicht
sehr detailliert aus, weil ihr Fokus in
diesem Band auf der Arbeitswelt liegt.
Die Frage nach den Auswirkungen
einer verschlechterten Versicherungs-
funktion des Sozialstaats aufgrund der
oben beschriebenen Entwicklungen
hätte allerdings gerade auch unter dem
Aspekt der Inklusion und der Erwerbs-
beteiligung durchaus mehr Beachtung
verdient, als sie erfährt. Ist doch der
Sozialstaat in vielen Ländern die Versi-
cherung der Mittelschicht für die Mittel-
schicht, der das Abgleiten in untere
Schichten aufgrund unkontrollierbarer
Ereignisse wie Krankheit, Kündigung
oder kurzfristiger Arbeitsunfähigkeit
aus unterschiedlichsten Gründen ver-
hindert. Es ist somit zu erwarten, dass
ein so fundamentaler Angriff auf den
Sozialstaat, wie er in vielen Ländern im
Gefolge der Krise stattfand, auch län-
gerfristig nachhaltigen Einfluss auf die
Größe und Stabilität der Mittelschicht
hat. Das Buch behandelt diesen Punkt
allerdings nur en passant.
Auch die Frage nach dem Einfluss
umverteilender Staatsmaßnahmen
wird von dem Buch angesprochen. Al-
lerdings beziehen sich die AutorInnen
nur auf Steuern, während Derndor-
fer/Kranzinger (2017) zeigen, dass die
umverteilende Wirkung von Steuern
und Transfers zusammengenommen
die stärksten Auswirkungen von ihren
untersuchten Einflussgrößen (Haus-
haltszusammensetzung, Arbeitslosig-
keit, Umverteilung und Anteil von Pen-
sionistInnen) auf die Größe der Mittel-
schicht in europäischen Ländern hat.
Positiv zu betonen ist, dass die ILO-
AutorInnen zwar ihr Hauptaugenmerk
auf andere internationale Organisatio-
nen und politische Institutionen wie
OECD, IWF und Europäische Kommis-
sion richten, aber durchaus auch post-
455
43. Jahrgang (2017), Heft 3 Wirtschaft und Gesellschaft
        

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