Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2017 Heft 3 (3)

ten, lasse sich fast die gesamte moder-
ne Wissenschaft, also Naturwissen-
schaften, Philosophie, politische Theo-
rie, Mathematik, Medizin, Ethnografie,
Geografie und Geschichtsschreibung,
auf sie zurückführen. Schließlich fän-
den viele der griechischen Eigenschaf-
ten ihren Ausdruck in jenem System,
das in der Demokratie Athens zu sei-
nen besten Zeiten ihren Ausdruck
fand. Dessen Einwohner zeichneten
sich eben durch Individualismus, Miss-
trauen gegenüber Autoritäten, Rede-
gewandtheit sowie Konkurrenzdenken
aus, aber auch durch ihre Verantwor-
tung gegenüber der Gemeinschaft.
Von solchen egalitären Ansätzen blie-
ben freilich die Sklaven ausgeschlos-
sen.
Ein ähnliches Bild vermittelt Hall
durch eine umfassende Darstellung
von Struktur und Entwicklung Spartas
und Makedoniens. Die gleichfalls ein-
gehende Präsentation der hellenisti-
schen Zeit zeigt, dass manche Charak-
teristika der klassischen Periode zwar
erhalten blieben, so das massive Inter-
esse an der wissenschaftlichen Ent-
wicklung, einige aber verloren gingen,
etwa die demokratische politische
Struktur. Die Diadochen und ihre
Nachfolger präferierten einen prunk-
süchtigen, autokratischen Herrschafts-
stil. Auf die soziale und politische
Struktur der kleineren Städte geht die
Autorin nicht ein.
Der hellenistischen Staatlichkeit be-
reiteten die Römer ab dem 2. Jh. v.
Chr. ein Ende. Die militärische Nieder-
lage sowie die verlorene Unabhängig-
keit wurden jedoch dadurch kompen-
siert, dass sich im Verlaufe der Folge-
zeit die griechische Geistigkeit im Rö-
mischen Reich nahezu vollständig
durchsetzte. Sie fand auch darin ihren
Ausdruck, dass in den ehemaligen Di-
adochenstaaten unverändert Grie-
chisch gesprochen wurde und dass
schließlich in Ostrom dieses Idiom die
Funktion der Amtssprache übernahm.
Besonderes Interesse verdient das
letzte Kapitel des Buches, worin die
Auseinandersetzung des Hellenismus
mit dem Christentum geschildert wird.
Hall zitiert mehrere heidnische Auto-
ren, welche das Christentum wegen
seiner Weltabgewandtheit und Strenge
kritisierten. Solche Streitschriften ver-
mochten freilich nichts daran zu än-
dern, dass die christliche Religion letzt-
lich das Römische Reich immer stärker
dominierte und die heidnischen Bräu-
che unter Theodosius I. ab 380 n. Chr.
unter Strafe gestellt wurden. Der Tri-
umph des Christentums bedeutete da-
mit das Ende des Hellenismus, seiner
Werte, seines Lebensstils und auch
vieler der von Hall aufgezählten Eigen-
schaften.
Insgesamt vermittelt die Arbeit Halls
ein umfassendes und farbiges, anre-
gend zu lesendes Bild der klassischen
griechischen Kultur. Das Werk trägt
überwiegend historisch-literarischen
Charakter. Es blendet damit allerdings
andere Bereiche, wie etwa die Ökono-
mie, weitgehend aus. Das ist bedauer-
lich, da dieser Sektor gleichfalls der eu-
ropäischen Entwicklung wichtige Im-
pulse verlieh: etwa durch die Schaf-
fung wohldefinierter Eigentumsrechte,
durch kommerzielle Rechtsprechung,
durch ertragsorientierte Bewirtschaf-
tung der Latifundien – auch mittels pri-
mitiver Buchführung –, durch Kredite,
insbesonders im Seehandel, und
schließlich auch durch die Diskussion
ökonomischer Probleme seitens der
Philosophen. Durch diese Einschrän-
kung sollte freilich die Freude an der
Lektüre nicht eingeschränkt werden.
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43. Jahrgang (2017), Heft 3 Wirtschaft und Gesellschaft
        

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