Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2017 Heft 3 (3)

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Wirtschaft und Gesellschaft 43. Jahrgang (2017), Heft 3
Die Weitergabe an Europa
Wenn hier die Bedeutung der Eigen-
schaften klassischer Griechen für die
europäische Entwicklung in Richtung
der Industrialisierung dargelegt wurde,
bleibt die Frage, wie die Weitergabe
dieser Verhaltensweisen an die Euro-
päer insbesondere seit der Frühen
Neuzeit möglich gewesen ist. Ein sol-
cher Prozess wurde sicherlich dadurch
erleichtert, dass die germanischen Völ-
kerschaften in mancher Beziehung
ähnliche Eigenschaften an den Tag
legten wie die Griechen, nämlich einen
hoch entwickelten Individualismus so-
wie egalitäre Strukturen. Das Interesse
an Bildung und Wissenschaft sowie die
Bewahrung des antiken Erbes blieb je-
doch an wenige Persönlichkeiten und
eine Institution gebunden: vor allem an
Karl den Großen sowie an die Klöster.
Entscheidende Schritte setzte dieser
durch die Integration der Kirche in den
Staat. Dazu kamen gezielte Initiativen
zur Förderung der Wissenschaft sowie
der Alphabetisierung – nicht zuletzt
durch Einführung der karolingischen
Minuskeln und des klassischen Latein.
Damit schuf Karl die europäische Spra-
che der Wissenschaft und stellte diese
durch die kirchliche Infrastruktur auf
eine relativ breite Basis. Und schließ-
lich wurde ein erheblicher Teil der anti-
ken Literatur für die Nachwelt bewahrt.
Ebenso war es möglich, dadurch eine
schriftkundige Gesellschaft zu erhal-
ten. Private Verträge ebenso wie kai-
serliche und kirchliche Anordnungen
wurden in steigendem Maße schriftlich
verfasst.
Damit konnte aber auch, zumindest
rudimentär, so etwas wie ein Rechts-
staat entstehen. Immerhin gab es Gra-
fen- und Königsgerichte, welche die
Bevölkerung im Wesentlichen gleich
behandelten. Grundsätzlich wurde das
individuelle Eigentum respektiert,
wenngleich immer stärker Arten des
Teileigentums entstanden. Sicherlich
gingen viele Elemente der „civilitas“
verloren, doch bewahrten die germani-
schen Traditionen gewisse egalitäre
Elemente, wie etwa die Volksver-
sammlungen und ein Gefühl der Ver-
antwortung für die Gemeinschaft.
Aus all dem lässt sich die wichtige
Funktion des karolingischen Reiches
für die Überleitung der antiken Kultur
ins europäische Mittelalter ersehen.
Der letztlich entscheidende Beitrag
Karls lag aber darin, dass er die christli-
che Kirche Europas formte. Da er sich
als gottgesandter Monarch betrachte-
te, sah er sich faktisch als deren Ober-
haupt und nahm für sich das Recht in
Anspruch, sie zu reformieren – die
„correctio“. Das geschah zunächst
durch Vereinheitlichung der Konfessi-
on; der Katholizismus wurde durchge-
setzt. Er verlieh ihr eine gemeinsame
Sprache, eine gemeinsame theologi-
sche und kirchenrechtliche Basis so-
wie wissenschaftliche Entfaltungsmög-
lichkeiten und pädagogische Funktio-
nen. Weiters übertrug er ihren Angehö-
rigen die staatlichen Verwaltungsfunk-
tionen. Schließlich festigte er die Posi-
tion des Papstes, indem er sie nach
seinen Vorstellungen formte.
Dazu kam die Förderung der Klöster,
welche sich als Zentren der Wissen-
schaft etablierten. Gerade dort wurden
die antiken Schriften gesammelt und
kopiert. Und dieser angestoßene Pro-
zess setzte sich im Mittelalter verstärkt
fort, zusätzlich angeregt durch die frü-
hen arabischen Philosophen wie Avi-
cenna und Averroes. Ihren Höhepunkt
erreichte diese Entwicklung mit den
großen, rational denkenden Theologen
dieser Periode: Albertus Magnus und
        

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