Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2017 Heft 3 (3)

zu senken, muss eines der zentralen Ziele der neuen Bundesregierung
für die kommende Legislaturperiode sein. Denn die hohe Arbeitslosig-
keit bedeutet für die unmittelbar Betroffenen und ihre Familien massive
Verschlechterungen im Lebensstandard, sie trifft darüber hinaus aber
auch viele andere Beschäftigte und ihre Interessenvertretungen, deren
Verhandlungsmacht durch die Schieflage des Arbeitsmarktes einge-
schränkt wird; nicht zuletzt beeinträchtigt Arbeitslosigkeit die Finanzier-
barkeit des Sozialstaates und geht damit zulasten der gesamten Bevöl-
kerung. Für eine markante Senkung der Arbeitslosigkeit sind Weichen-
stellungen auf mehreren Ebenen notwendig:
Erstens muss die Nachfrage nach Arbeitskräften weiterhin kräftig zu-
nehmen. Ohne einen spürbaren Beschäftigungssog ist eine Reduktion
der Arbeitslosigkeit nicht denkbar. Dieser wiederum setzt eine umfas-
sende Ausweitung der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage voraus. Nach
wie vor bestehen umfangreiche unausgeschöpfte Produktions- und Be-
schäftigungspotenziale. Sie zu heben verlangt nach einer kräftigen Er-
höhung der privaten und öffentlichen Investitionsquoten und der Kon-
sumnachfrage in Österreich und noch viel deutlicher in der gesamten
Eurozone.
Zweitens gilt es, die Qualität der Beschäftigung zu verbessern. Ein er-
heblicher Teil der neu geschaffenen Jobs ist temporär, die Einkommen
bei Jungen, Frauen und MigrantInnen bleiben zurück, viele teilzeitbe-
schäftigte Menschen würden ihre Arbeitszeit gerne ausweiten. Bei vie-
len sozialen Gruppen ist der Konjunkturaufschwung noch nicht ange-
kommen. Gleichzeitig gibt es viele Beschäftigte, die über zu lange
Arbeitszeiten und arbeitsbedingte Gesundheitsbeschwerden klagen.
Ein funktionsfähiger Arbeitsmarkt muss den Bedürfnissen aller Men-
schen gerecht werden.
Die letzten Jahre haben auch gezeigt, dass selbst ein überdurch-
schnittlich starker Anstieg der Arbeitskräftenachfrage nicht ausreicht,
um auch die Zahl der Arbeitslosen im Inland zu senken. Deshalb müs-
sen, drittens, alle Anstrengungen unternommen werden, die offenen
Stellen mit den derzeit Arbeitslosen zu besetzen. Der seit Mitte 2017
bestehende „Beschäftigungsbonus“ versucht dazu einen Beitrag zu
leisten, ist allerdings zu wenig spezifisch angelegt und weist deshalb
hohe Mitnahmeeffekte auf. Die Politik muss noch stärker unmittelbar
beim Pool der Arbeitslosen ansetzen. Dies kann die intensive Qualifika-
tion für Arbeitslose in Hinblick auf den aktuellen Bedarf der Betriebe
ebenso betreffen wie stärkere positive Anreize in Bezug auf die regio-
nale Mobilität: Wenn heute etwa in einem der automotiven Zentren der
österreichischen Wirtschaft in der Steiermark oder in Oberösterreich
Tausende Arbeitsplätze neu zu besetzen sind, dann müssen die Fir-
men mit dem Ausbau der Infrastruktur (Werkswohnungen, Betriebskin-
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43. Jahrgang (2017), Heft 3 Wirtschaft und Gesellschaft
        

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