Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2018 Heft 2 (2)

lungsspiel zugrunde liegt und der die
zunehmende Ungleichheit vorantreibt:
Minimale Unterschiede in den Voraus-
setzungen, die völlig unabhängig von
individuellen Unterschieden in Fähig-
keiten oder Anstrengungen sind, wer-
den im Zeitverlauf verstärkt. Angenom-
men, zwei Personen verhandeln mit-
einander unter identischen Vorausset-
zungen über eine Ressource: Die opti-
male Lösung nach Nash1 besteht dann
darin, dass es zu einer 50:50-Auftei-
lung kommt. Wenn aber einer der Ver-
handlungspartner bei Verhandlungs-
beginn mehr Ressourcen zur Verfü-
gung hat, so lässt sich zeigen, dass
dieser in der Verhandlung das bessere
Ergebnis erzielt. Hierfür bedarf es einer
weiteren Annahme über die Risikonei-
gung der Verhandlungspartner: Mit
größeren Aktiva steigt die Risikofreu-
digkeit. Diese Annahme über die Risi-
koneigung wurde aus der Empirie ab-
geleitet und ist auch intuitiv nachvoll-
ziehbar: Wenn der worst case einer
Verhandlung darin besteht, dass es zu
keiner Lösung kommt, hat derjenige,
der über mehr Ressourcen verfügt, we-
niger Druck, eine Lösung zu finden –
seine Verhandlungsmacht ist somit
größer.
Noch eindeutiger wird dieser Zusam-
menhang in einem dynamischen Spiel,
das sich über mehrere Zeitperioden er-
streckt. Sind vor Beginn des Spiels die
Ressourcen gleich verteilt, so wird
auch im dynamischen Spiel das Ergeb-
nis selbst nach einer Vielzahl an ge-
spielten Runden gleich verteilt werden.
Hat aber eine der beiden Personen zu
Beginn des Spiels eine stärkere Positi-
on, erhält diese gemäß Nashs Lösung
nach der ersten Runde einen etwas
größeren Anteil. Unter der Annahme,
dass beide immer gleich viel konsu-
mieren, hat nun der reichere Verhand-
lungspartner einen kleinen Über-
schuss, den er seinem Puffer hinzufü-
gen kann. Gleichzeitig muss der ärme-
re Verhandlungspartner auf seinen
Puffer zurückgreifen um seinen Kon-
sum konstant zu halten. Langfristig
häuft also die anfangs ressourcenstär-
kere Person immer mehr Reichtum an,
während die ressourcenschwächere
Person immer mehr ihrer Aktiva ver-
brauchen muss.
Im dynamischen Spiel wachsen und
sinken somit die Aktiva der beiden Ver-
handlungspartner exponentiell und in
gleichem Ausmaß. Dass bereits mini-
male Abweichungen Folgen haben,
zeigt folgende Überlegung: Beträgt der
Unterschied zu Beginn der Verhand-
lungen 1 Prozent, so dauert es etwa 70
bis 80 Runden (Zeitperioden), bis die
Aktiva der schwächeren Person aufge-
braucht sind. Die Eigendynamik des
Systems des Verhandlungsspiels ver-
stärkt also die ursprünglichen Unter-
schiede und führt zu steigender Un-
gleichheit. Bereits minimale Unter-
schiede in den Voraussetzungen, die
völlig unabhängig von individuellen Un-
terschieden in Fähigkeiten oder An-
strengungen sind, werden somit im
Zeitverlauf aufgrund des beschriebe-
nen selbstverstärkenden Effekts grö-
ßer. Diese inhärente Tendenz zur Un-
gleichheit wird nur dadurch begrenzt,
dass der stärkere Verhandlungspart-
ner ein Interesse daran hat, den
schwächeren am Leben zu erhalten,
um die Fortexistenz der Gesellschaft
zu sichern. Auch wenn sich die Analy-
se auf Verhandlungsspiele mit zwei
Personen bezieht, sind die Ergebnisse
für größere Gruppen und die Gesell-
schaft als Ganzes relevant. Denn auch
im politischen Bereich müssen Bezie-
hungen zwischen Menschen geregelt
werden, z. B. über einen Sozialvertrag
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44. Jahrgang (2018), Heft 2 Wirtschaft und Gesellschaft
        

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