Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2018 Heft 2 (2)

oder eine ideale Verfassung, die der
politischen Macht Legitimität verleihen.
Steigende Ungleichheit
in jüngster Zeit
Die Tendenz zu mehr Ungleichheit
ist allerdings keine stetige Entwicklung.
Insbesondere im 19. Jh. bis in die
1970er-Jahre ist die Ungleichheit ge-
sunken. Molanders Erklärung hierfür
ist die Gründung der Gewerkschaften
und die Einführung des allgemeinen
Stimmrechts. Die Stärkung des öffentli-
chen Sektors und die durch Steuern fi-
nanzierte Bereitstellung öffentlicher
Güter wie Bildung, Gesundheitsversor-
gung oder Sozialversicherungen wa-
ren insbesondere nach dem Zweiten
Weltkrieg ein wichtiger Faktor, um die
dem Verhandlungsspiel inhärente Ten-
denz zu mehr Ungleichheit abzu-
schwächen. Damit betont Molander die
Rolle der vom Ungleichheitsforscher
Branko Milanovic (2016) als „gutartig“
(benign) bezeichneten Faktoren zur
Reduktion von Ungleichheit.
Warum ab den 1970ern die Un-
gleichheit wieder gestiegen ist, erklärt
Molander erstaunlich plump als „[…]
Resultat externer technischer und wirt-
schaftlicher Veränderungen“. Die Fort-
schritte im Bereich der Transport- und
Kommunikationstechnologien ermög-
lichten die Entstehung eines globalen
Marktes und damit auch die Bedeu-
tungszunahme des Kapitals, das inter-
national wesentlich mobiler ist als Ar-
beit. Wohlfahrtsstaatliche Systeme, die
über Steuern und Transfers die Vertei-
lung der verfügbaren Einkommen be-
einflussen, sind allerdings in erster Li-
nie national ausgerichtet und haben
daher in ihrer umverteilenden Wirkung
angesichts zunehmender Internationa-
lisierung an Bedeutung verloren.
Instabilität gesellschaftlicher
Systeme
Die zentrale Erkenntnis aus Molan-
ders Analyse hat Seltenheitswert im so
stark neoklassisch geprägten ökono-
mischen Diskurs: „Es gibt kein stabiles
Gleichgewicht mit einer plausiblen
gleichwertigen Verteilung der Ressour-
cen einer Gesellschaft“ (S. 82). Die
zweite Frage nach der politischen Be-
einflussbarkeit der Ungleichheit beant-
wortet Molander, wenig überraschend,
mit einem klaren Ja. Eine Metapher
aus der Technik soll verdeutlichen, wie
ein instabiles System, das ständigen
Störungen ausgesetzt ist, gezielt ge-
lenkt werden kann. Analog zum ersten
funktionierenden Flugzeug der Gebrü-
der Wright ist das Prinzip des Feed-
back der Schlüssel zum Erfolg: Die
ständige Messung systemrelevanter
Variablen ermöglicht die Erfassung
des laufenden Zustands, auf Basis
dessen Korrekturmaßnahmen gesetzt
werden können. Wie ein Flugzeug, das
ohne ständiges Feedback bezüglich
des Kippwinkels in einer Havarie en-
det, kann die gesellschaftliche Ent-
wicklung nur mittels Feedback hin-
sichtlich des sozialen Zustandes inner-
halb angemessener Grenzen gehalten
werden. Regeln und Institutionen, die
keine Korrekturmechanismen beinhal-
ten, führen aufgrund der herrschenden
Instabilität zu unerwünschten und nicht
beabsichtigten Konsequenzen. Ob ein
Mechanismus, der für die Abschwä-
chung bestimmter Störungen entwi-
ckelt wurde, sein korrigierendes Poten-
zial auch entfalten kann, wird aber erst
ersichtlich, wenn die Störung eintritt.
Ein effektiver Mechanismus kann da-
her niemals ohne Feedback auskom-
men.
Damit sind zwei wesentliche Punkte
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Wirtschaft und Gesellschaft 44. Jahrgang (2018), Heft 2
        

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