Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2018 Heft 2 (2)

(3) Welches Ökonomiebild liegt der Berichterstattung zugrunde? Wie
werden ökonomische Akteure und ökonomische Beziehungen im
Rahmen der Ungleichheitsberichterstattung vorgestellt (3.4)?
Die mediale Bewertung von Ungleichheit steht am Beginn der folgenden
Analyse, danach werden die Ungleichheits-Frames beleuchtet. Die Be-
richterstattung über umverteilende Maßnahmen wie höhere Einkommens-,
Vermögens- oder Erbschaftssteuern steht danach im Fokus. Mit Überle-
gungen zur Darstellung von ökonomischen Interaktionen im Rahmen der
Ungleichheitsberichterstattung schließen wir den Ergebnisteil ab.
3.1 Eine Übersicht: Die mediale Haltung zu Ungleichheit
Wie Tabelle 2 zeigt, nehmen in den vier ausgewählten Ländern insge-
samt 172 Artikel einen expliziten Standpunkt zu Ungleichheit ein. 157 Arti-
kel berichten zwar über Piketty oder die Buchinhalte und die anschließen-
de Debatte, beziehen aber keine gesondert ausgewiesene Position.
Im Rahmen jener 172 Beiträge, die ökonomische Ungleichheit als ein
ökonomisches, politisches, soziales Phänomen debattieren, wird in 108
Artikel ebendiese als Problem eingestuft, während in 45 Artikeln Ungleich-
heit explizit nicht als problematisch dargestellt wird. Weitere 19 können als
neutral klassifiziert werden, da sie beiderlei Aspekte berücksichtigen. Es
zeigen sich keine nennenswerten Differenzen über den gesamten Unter-
suchungszeitraum (März 2014 bis März 2015), außer dass in den Mona-
ten Mai und Oktober 2014 eine bedeutend höhere Anzahl an Artikeln ver-
öffentlicht wurde (dies ergibt sich aus den Erscheinungsdaten der
englischen und der deutschen Übersetzung).
Tabelle 2 gibt auch erste Aufschlüsse über die Unterschiede in der Piket-
ty-Rezeption nach den jeweils untersuchten Ländern. In den englischspra-
chigen Ländern und (wenngleich in geringerem Ausmaß) Deutschland
überwiegen Positionen der Kategorie „Ungleichheit als Problem“ gegen-
über jenen, die dies verneinen. Während in Irland besagter Unterschied
am größten ist, bildet Österreich die anders gelagerte Ausnahme, in der
die zweite Kategorie, wenn auch knapp, überwiegt (21 zu 22 Artikel). Die-
ser Tatbestand ist vor allem der Tageszeitung „Die Presse“ geschuldet, in
deren Beiträgen Ungleichheit großteils als unproblematisch klassifiziert
wird. Zwar finden sich auch in anderen eher als politisch konservativ ein-
zustufenden Zeitungen unseres Samples (z. B. bei der „Frankfurter Allge-
meinen Zeitung“) ähnliche Tendenzen, nirgendwo jedoch sind sie so stark
ausgeprägt wie in „Die Presse“.
In nahezu der Hälfte der zur Untersuchung herangezogenen Texte wird
versucht, nicht wertend über Piketty und die daran anschließende Debatte
zu berichten, indem eben von Seiten der AutorInnen nicht explizit Stellung
genommen, sondern in „neutralem“ Gestus nur die (jedenfalls selektier-
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44. Jahrgang (2018), Heft 2 Wirtschaft und Gesellschaft
        

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