Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2018 Heft 2 (2)

trägen beinahe ausschließlich mit „harter Arbeit“ gleichgesetzt ist (und nur
auf individuell zurechenbare Arbeitsleistung sowie marktvermittelte Arbeit
abzielt). Summa summarum kann festgestellt werden, dass in jenem Text-
korpus, in dem die steigende Ungleichheit als Problemfeld definiert ist, das
Auseinanderfallen von persönlichem Wohlstand und individuell zurechen-
barer Leistungsfähigkeit eine dominante Argumentationsfigur darstellt,
wie die beiden folgenden Zitate paradigmatisch belegen:
„Diese Tendenz verändert die Anreizsysteme in Marktwirtschaften ent-
scheidend: Prägend ist nicht mehr das meritokratische Prinzip, bei dem Ein-
kommen und Leistung korrelieren, sondern das inheritokratische Prinzip,
also in welche Familie man geboren wird oder einheiratet.“ (Markus Marter-
bauer, in einem Kommentar in: Die Presse, 9. Juli 2014)
„[…] in which the commanding heights of the economy are dominated not
just by wealth, but also by inherited wealth, in which birth matters more than
effort and talent.“ (Paul Krugman, The Irish Times, 25. März, 2014)
Die Problematik steigender Ungleichheit ist mithin, dass diese nicht län-
ger auf Lohnarbeit oder unternehmerischem Handeln beruhe, sondern
stattdessen durch Erbschaften oder Kapital- und Zinseinkünfte konstituiert
sei, somit durch eine Klassenzugehörigkeit bedingt. Damit bestimmen –
wie z. B. Jakob Schulz in der „Süddeutschen Zeitung“ ausführt – Glück
und Zufall über die individuelle Stellung in der Gesellschaft: „Geburt ist
Glückssache und keine Leistung.“26
Hervorzuheben ist, dass einer Vielzahl von Autoren das Meritokratie-
Prinzip nicht nur als Leitbild und Ordnungsprinzip gilt, welches zwar nicht
zur Gänze realisierbar ist, dem aber doch eine formative Funktion für die
gesellschaftliche Selbstwahrnehmung zukommt: ein Prinzip, dem in kaum
haltbarer Historisierung der Status einer ehedem (z. B. in den goldenen
1960ern und 70ern) real existierenden Praxis zugeschrieben wird und das
durch rezente Entwicklungen in seiner Bedeutung und Funktion sukzessi-
ve ausgehöhlt worden sei.27
Bloß eine Minderheit der Artikel begreift das meritokratische Prinzip als
Mythos und würdigt Pikettys Verdienst, die Zerstörung ebendieses My-
thos, dass Leistung zu Wohlstand führe, angesprochen und klar gemacht
zu haben:
„Am wichtigsten aber: Seine Daten zerstören den zentralen konservativen
Mythos, wonach große Vermögen auf Leistung beruhen und letztlich Arbeit
und Wohlstand für alle schafften. Piketty zeigt, dass auch heute – wie seiner-
zeit in der französischen Belle Epoque, im amerikanischen Guilded Age oder
der österreichischen Gründerzeit – die Milliardäre ihre beträchtlichen Ein-
kommen weniger erarbeiten, als dem verdanken, was man früher „Coupon-
schneiden“ nannte. Und dass sie zu einem wachsenden Teil wieder schlicht
durch Erbschaften und nicht durch unternehmerische Aktivitäten zu ihrem
Reichtum kommen.“ (Hoffmann-Ostenhof, Profil, 5. Mai 2014)
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Wirtschaft und Gesellschaft 44. Jahrgang (2018), Heft 2
        

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