Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2018 Heft 2 (2)

„But I suspect that the real reason for Piketty’s rock-star reception is not the
quality of his numbers but the fact that he has forced Americans to confront a
growing sense of cognitive dissonance. Nearly two-and-a-half centuries ago
[…] they proudly believed they had rejected Europe’s tradition of inherited aris-
tocracy and rentier wealth. Instead, it was presumed that people ought to be-
come rich through hard work, merit and competition. […] Piketty’s book shows
that this dream is increasingly a myth.“ (Gillian Tett, Financial Times, 26. April
2014)
3.2.1 Das Trickle-down-Prinzip
Meritokratie als zentrales gesellschaftliches Leitbild findet sich, wenn-
gleich in diametral entgegengesetzter Argumentationslinie, auch bei jenen
Autoren, die Ungleichheit nicht etwa als Problemfeld, sondern vielmehr als
einen produktiven, eben gesamtgesellschaftlichen Wohlstand letztlich
mehrenden Faktor einschätzen. Dass individuelle Arbeit und Leistungsfä-
higkeit sehr wohl in Reichtum und Wohlstand kulminiere – die (wohlbe-
kannte) Polemik wird meist durch Rückgriff auf bekannte (reiche) Protago-
nisten exemplifiziert und mündet in der Aussage, dass deren Reichtum via
Steuerleistung und Arbeitsplatzschaffung in die Allgemeinheit und das All-
gemeinwohl diffundiere.
„In diesem Kontext fällt auf, dass Österreichs Superreiche wie Karl Wla-
schek, Johann Graf oder Dietrich Mateschitz in aller Regel weder geerbt ha-
ben noch böse Banker sind, sondern sich ihr Vermögen selbst und höchst
realwirtschaftlich geschaffen haben. Ihr bemerkenswerter Erfolg führt zwar
mathematisch zu mehr Ungleichheit, ist aber wirtschaftlich für Österreich in
Summe höchst erfreulich. Niemand kommt durch diese zusätzliche Un-
gleichheit zu Schaden, aber viele profitieren. Wären die Herren Wlaschek,
Mateschitz oder Graf nicht auf die Welt gekommen und hätten nicht ihre Im-
perien gegründet, wäre die Vermögensverteilung heute zweifellos gleichmä-
ßiger – aber das Land eindeutig ärmer an Arbeitsplätzen, Steuereinnahmen,
Wohlstand.“ (Christian Ortner, Die Presse, 16. Mai 2014)
Gerade in diesem Zusammenhang sollte nicht unerwähnt bleiben, dass
bei der Auseinandersetzung mit dem meritokatischen Prinzip ein Thema
nicht angesprochen wird, demzufolge als „significant silence“ gefasst wer-
den muss: In den letzten Jahrzehnten hat die allgemeine Lohnentwicklung
nicht mit den Produktivitätsgewinnen Schritt gehalten, daher ist auf der
Makroebene die Vorfindbarkeit des Leistungsprinzips für den Faktor Ar-
beit schlicht nicht gegeben.28
Die Debatte um Pikettys Buch führte, dies sei abschließend konkludiert,
zu einer intensivierten Auseinandersetzung über das Leistungsprinzip per
se. Dabei zeigte sich, so widersprüchlich dies auch klingen mag: Je weni-
ger von der Existenz einer meritokratischen Gesellschaft gesprochen wer-
den kann, desto mehr scheint das Ideal eines darauf aufbauenden Ord-
nungsprinzips Strahlkraft zu entwickeln.
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44. Jahrgang (2018), Heft 2 Wirtschaft und Gesellschaft
        

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