Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2018 Heft 2 (2)

relative Überschaubarkeit ihrer Ge-
schäftstätigkeit ermöglichte das Über-
tauchen schwerer Finanzkrisen wie
etwa jener von 1873.
Dieser Befund ist für das Verständnis
der Geschichte der österreichischen
Privatbanken in der Zwischenkriegs-
zeit von Bedeutung, die von Andreas
Resch analysiert wird. Die Jahre nach
1918 waren bekanntlich die Zeit der
Scheinblüte der Banken, der überbor-
denden Finanzspekulationen, der Win-
kelbanken. Dass von den vielen Neu-
gründungen der Hyperinflationsjahre
viele nicht lange überlebten, kann als
bekannt vorausgesetzt werden. Durch-
aus neu ist hingegen die Erkenntnis,
dass Spekulanten vom Kaliber Casti-
glioni, Bosel, Kola oder Gebrüder
Bronner zwar spektakulär scheiterten –
sie betrieben im Übrigen keine Privat-
banken, sondern „kauften“ sich in be-
stehende Aktienbanken ein –, hinge-
gen andere durchaus erfolgreich die
Spekulationsjahre überdauerten. Zu
Beginn der 1920er-Jahre konnten
zahlreiche Privatbanken nicht nur mit
den großen Aktienbanken hinsichtlich
ihrer Bilanzsumme durchaus mithal-
ten, sondern sie überlebten auch, was
man von den Aktienbanken großteils
nicht sagen kann.
„Von den zehn größten Wiener Pri-
vatbanken des Jahres 1921 waren
1938 alle mit Ausnahme von Albert
Blank & Co noch aktiv“ (S. 136). Und
nicht nur das: Das Bankhaus S.M. v.
Rothschild lag 1921/22 hinsichtlich der
Bilanzsumme an dritter Stelle aller ös-
terreichischen Banken. Nur die Credit-
anstalt und der Wiener Bankverein
wiesen eine größere Bilanzsumme auf.
Aber auch die Bilanzsummen der Pri-
vatbankhäuser Gebrüder Gutmann,
Rosenfeld & Co. und der Gebrüder S.
u. M. Reitzes konnten sich sehen las-
sen. Sie lagen um den 10. Platz in der
erwähnten Bilanzsummen-Rangliste.
Mit ihren internationalen Verbindun-
gen, vor allem in das westliche Aus-
land, waren sie durchaus ernst zu neh-
mende Akteure am allerdings stark
schrumpfenden Wiener Finanzplatz
und sie blieben das bis zum „An-
schluss“. Zu Beginn der 1920er-Jahre
beschäftigten die Wiener Privatbanken
rund 4.400 MitarbeiterInnen, ein Achtel
der im Wiener Bankensektor Beschäf-
tigten. Einige Privatbanken zeigten so-
gar über die gesamte Zwischenkriegs-
zeit in einem schwierigen wirtschaftli-
chen Umfeld eine herausragende
Wachstumsdynamik, wie etwa Ephrus-
si & Co. oder M. Thorsch & Söhne.
Dazu kamen solide Entwicklungen wie
im Fall von Schelhammer & Schattera.
Natürlich gab es auch genug Fälle
von Bankhäusern, die durch Industrie-
beteiligungen schwere Verluste erlitten
und durch hoch spekulative, teilweise
illegale Aktionen das sinkende Schiff
noch retten wollten, von fahrlässiger
Krida, kriminellen Machenschaften.
Aber selbst nach der missglückten
Franc-Spekulation 1924 und selbst
nach der CA-Krise wurden Privatban-
ken gegründet und überlebten.
Erst der Griff der Nationalsozialisten
nach den „jüdischen“ Privatbanken
sorgte für eine gravierende Zäsur.
Mehr als 80% der Privatbanken wur-
den geschlossen, die Eigentümer be-
raubt, erpresst, ermordet. Einige weni-
ge „nichtjüdische“ Privatbanken waren
als Ariseure „erfolgreich“, doch insge-
samt hatten die Nazis kein Interesse
am Weiterbestehen dieses Teils des
Kreditsektors, der vergleichsweise
schwer zu kontrollieren war. Dennoch
gelang es den Nationalsozialisten kei-
neswegs, den österreichischen Privat-
bankensektor völlig zu zerstören, was
248
Wirtschaft und Gesellschaft 44. Jahrgang (2018), Heft 2
        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.