Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2018 Heft 2 (2)

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44. Jahrgang (2018), Heft 2 Wirtschaft und Gesellschaft
natürlich auch mit der relativen Kürze
der NS-Herrschaft und den Wirren des
Zweiten Weltkriegs zu tun hatte.
Die von Helmut Falschlehner darge-
stellte Geschichte der Privatbanken in
der Zweiten Republik war zunächst
von Kriegszerstörungen, öffentlichen
Verwaltern und Fragen der Restitution
gekennzeichnet. Bemerkenswerter-
weise war der Beschäftigtenstand der
Privatbanken und Bankiers-Firmen
Ende 1945 keineswegs völlig einge-
brochen. Den rund 400 Beschäftigten
der Privatbanken standen 3.000-4.000
bei den Aktienbanken gegenüber.
Nicht weiter überraschend hatten die
Privatbanken in den westlichen Bun-
desländern bessere Startbedingun-
gen. Der langsam wieder anlaufende
Tourismus sorgte etwa beim Salzbur-
ger Bankhaus Spängler für ein Aufblü-
hen des Devisengeschäftes, die Scho-
ellerbank vergab Rembourskredite
zum Import von Waren für die eigenen,
später auch für andere Unternehmen.
Das Flaggschiff, die Privatbank S.M.
v. Rothschild, blieb geschlossen. Das
Rückstellungsverfahren gestaltete sich
langwierig. Louis Rothschild, der in den
USA lebte, hatte kein Interesse an ei-
ner Weiterführung, doch wurden die
Pensionen für die Mitarbeiter aus dem
Verkaufserlös des Palais Rothschild
ausbezahlt. Rothschild verstarb 1955
bei einem Badeunfall in Jamaika. Ähn-
lich erging es einigen anderen „arisier-
ten“ Bankhäusern, die entweder ihre
Geschäftstätigkeit einstellten oder un-
ter für die ehemaligen Inhaber oder de-
ren Erben ungünstigen Bedingungen
von ehemaligen Firmenmitarbeitern,
die sich in der Regel nicht als „Ariseu-
re“ sahen, (mit-)übernommen wurden.
Zu den erfolgreichen Privatbanken
der Zweiten Republik zählten alte Be-
kannte, Schoeller, Schelhammer &
Schattera, Krentschker, Spängler oder
auch das Bankhaus Gutmann, letzte-
res 1957 von Karl Kahane übernom-
men.
Wie in der Ersten Republik fehlte es
auch nicht an Skandalen. Dazu zählte
das Bankhaus E. v. Nicolai & Co, wel-
ches in der NS-Zeit das Bankhaus
Rothschild übernommen hatte und
nach Rückstellung von Werten an die
Familie Rothschild 1958 in Liquidation
treten musste. Große Teile der Bank
wurden vom skandalumwitterten Ex-
Minister Peter Krauland übernommen
und in die Allgemeine Wirtschaftsbank
AG (AWB) umgewandelt. Diese diente
vornehmlich dazu, um Verluste des Fir-
menimperiums von Krauland zu ver-
schleiern, was 1975 zum Konkurs führ-
te. Der wegen fahrlässiger Krida ange-
klagte Krauland entging aus gesund-
heitlichen Gründen seiner Strafe. Auch
in dieser Beziehung bestanden Paral-
lelen zur Zwischenkriegszeit, wie etwa
zum Fall von Camillo Castiglioni. Ins-
gesamt bietet der letzte Teil des Ban-
des eine übersichtlich gestaltete
Sammlung von Firmengeschichten
von Privatbanken, die in dieser Form
bisher nicht verfügbar war.
Den Autoren ist es jedenfalls gelun-
gen, eine wichtige Forschungslücke in
der österreichischen Bankengeschich-
te zu schließen. Die Geschichte dieses
Teils des Kreditsektors kann wohl als
Beispiel für Leopold Kohrs Devise
„Small is beautiful“ herhalten, wenn-
gleich im konkreten Fall eher von Mit-
telbetrieben gesprochen werden kann,
ja einzelne sogar temporär großbe-
trieblichen Charakter trugen.
Andreas Weigl
        

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