Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2019 Heft 1 (1)

tätspolitik und die Sozialisierung priva-
ter Schulden sind treffende Beispiele.
Dies änderte sich wiederum 2016 mit
Großbritanniens Referendum, die Eu-
ropäische Union zu verlassen, und
dem politischen Aufstieg Donald
Trumps. Obwohl eine Studie nach der
anderen die wirtschaftlichen Verluste
vorhersagte, die durch Brexit und
Trumps Politik entstehen würden, er-
wies sich die rhetorische und diskursi-
ve Orientierung der Kampagnen, Le-
bensgrundlagen lieber direkt zu vertei-
digen als indirekt durch einen abstrak-
ten Prozess von wirtschaftliche Ver-
besserung, als zielführend. Zusam-
mengefasst insistiert Holmes – wie Po-
lanyi vor ihm – auf die Anerkennung,
dass sowohl Verbesserung als auch
Beheimatung große soziale Werte dar-
stellen. Politische Entscheidungen
sind hierbei unvermeidbar, und eine of-
fene Debatte über die Pluralität dieser
Werte eine Voraussetzung, da beide
Werte gleichzeitig unersetzlich und un-
vereinbar sind. Nur durch offene Dis-
kussionen über verschiedenartige
Wirtschaftsvorstellungen ist es mög-
lich, antagonistischen Populismus zu
überwinden und zu einer agonisti-
schen Politik im Mouffe’schen Sinn zu
gelangen.
Holmes’ Ausblick ist besonders tref-
fend zu einer Zeit, in der regierungskri-
tische Medien vermehrt als „Fake
News“ diskreditiert werden, in der rech-
te Regierungen soziokulturelle – und
vor allem auch feministische – Errun-
genschaften rückgängig machen und
in der die Mainstream-Linke noch im-
mer Forderungen nach Beheimatung
als rückschrittlich bezeichnet und ihre
Strategien der Verbesserung als mora-
lisch überlegen rechtfertigt. Dies er-
möglicht weder eine politische Kon-
frontation noch eine öffentliche Debat-
te. Eine fortschreitende Destruktion
von Plattformen, die es ermöglichen,
unvereinbare Interessen und Werte
anzuerkennen und demokratisch zu
diskutieren, wird vermehrt zu anderen
Arten kollektiver Identitäten, wie natio-
nalistischen, religiösen oder ethni-
schen Formen der Identifikation füh-
ren.9 Trump und Brexit sind hier zwei
Paradebeispiele.
Die Menschheit steht heute einer
Fülle globaler Herausforderungen ge-
genüber, und politische Entscheidun-
gen sind unvermeidbar. „Polanyi in Ti-
mes of Populism“ ist in diesem Sinne
als ein dringend benötigter Appell zu
verstehen, dass die demokratische
Voraussetzung für jegliche Erkun-
dungsbewegungen und Lernprozesse
(welche in Zeiten der Veränderung un-
verzichtbar sind) eine Gesellschaft ist,
in der plurale Interessen, Vorstellun-
gen und Werte ausgesprochen und
diskutiert werden können.
Richard Bärnthaler
Anmerkungen
1 Siehe Jasanoff (2001).
2 In der deutschen Suhrkamp-Ausgabe
wird „habitation“ – also eine gesicherte
und oftmals rountinisierte Lebensgrund-
lage – mit ,,Behausung“ übersetzt. „Be-
heimatung“ ist wohl die bessere Über-
setzung, um die kulturelle Einbettung
sowie die Entwurzelung durch die kapi-
talistische Modernisierung zu benen-
nen.
3 „Verbesserung“ benennt unter anderem
die Steigerung von Produktivität, Effi-
zienz und Profit und den damit oftmals
einhergehenden steigenden materiellen
Wohlstand.
4 Polanyi (2014 [1978]) 61.
5 Rorty (1999).
6 Dieses und alle folgenden Zitate aus
Holmes’ „Polanyi in Times of Populism“
sind meine eigenen Übersetzungen.
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Wirtschaft und Gesellschaft 45. Jahrgang (2019), Heft 1
        

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