Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2019 Heft 1 (1)

In der theoretischen makroökonomischen Diskussion haben ÖkonomIn-
nen im Kontext persistent hoher Arbeitslosenquoten die Frage gestellt, wie
die „non-accelerating inflation rate of unemployment“ (kurz: NAIRU) sich in
den betroffenen Ländern vor und nach der Krise entwickelt hat. Die NAIRU
ist innerhalb der modernen Makroökonomik von zentraler Bedeutung; sie
beruht auf der Grundannahme, dass eine (nicht-beobachtbare) Arbeitslo-
senquote existiere, bei der die Inflation konstant bleibt.5 Die Mainstream-
Makroökonomik bringt die NAIRU in Verbindung mit der Idee einer „natürli-
chen Arbeitslosenquote“,6 die dann vorherrsche, wenn die Arbeitslosigkeit
für alle zyklischen und saisonalen Einflüsse bereinigt sei, sodass die „na-
türliche Arbeitslosigkeit“ eine Art „struktureller“ Arbeitslosigkeit repräsen-
tiert, die unabhängig ist von sämtlichen temporären und saisonalen Ein-
flüssen.7 Während die konkreten theoretischen Grundlagen der NAIRU
als zentraler Theorie zur Erklärung von Arbeitslosigkeit umstritten bleiben,
hat Stockhammer (2008) jedoch gezeigt, dass das NAIRU-Modell mit un-
terschiedlichen theoretischen Traditionen in Einklang gebracht werden
kann. Dazu gehört nicht nur die Neoklassik, sondern zählen auch die
postkeynesianische und die marxistische Theorie. So zeigt Stockhammer
(2008) etwa, dass das NAIRU-Modell direkte Anknüpfungspunkte zur
Konflikt-Inflationstheorie postkeynesianischen Ursprungs bietet, wonach
Inflation als Ergebnis eines Verteilungskonflikts zu verstehen ist (und nicht
als Resultat von exzessivem Wachstum des Geldangebots, wie in der
monetaristischen Interpretation der NAIRU).8 Zudem ist in der postkeyne-
sianischen Variante die NAIRU durch (endogene) makroökonomische
Faktoren determiniert, während in neoklassisch beeinflussten Modellfor-
mulierungen die NAIRU durch (exogene) angebotsseitige Faktoren be-
stimmt ist.
Auf empirischer Ebene haben zahlreiche Studien seit den 1990er-Jah-
ren vielfältige Schätzungen zu den ökonometrischen Determinanten von
(„strukturellen“) Arbeitslosenquoten geliefert.9 Weite Teile dieser Literatur
schätzen „Reduced-form“-Modelle der NAIRU, die darauf basieren, dass
eine die („strukturelle“) Arbeitslosenquote messende Variable auf die Ver-
änderung in der Inflationsrate10 sowie auf mehrere institutionelle Arbeits-
marktindikatoren und weitere Kontrollvariablen regressiert wird.11 In die-
ser Studie bewegen wir uns über die bestehende empirische Literatur in
mehrfacher Hinsicht hinaus: Wir inkludieren eine umfassende Zusammen-
stellung von makroökonomischen und institutionellen Kontrollvariablen;
berücksichtigen einen längeren aktuellen Zeitraum, indem wir Daten für ei-
nige der Jahre nach der Finanzkrise 2007/2008 miteinbeziehen; untersu-
chen eine größere OECD-Ländergruppe als die meisten bestehenden
Studien; und führen weitreichende Robustheits-Tests durch. Die präsen-
tierten Ergebnisse tragen dazu bei, die empirische Evidenz bezüglich der
Determinanten von Arbeitslosigkeit auf den Prüfstand zu stellen – basie-
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Wirtschaft und Gesellschaft 45. Jahrgang (2019), Heft 1
        

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