Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2019 Heft 1 (1)

Darauf geht bereits der erste Beitrag
im zweiten Teil des Buches ein, der
sich mit den Auswirkungen des techno-
logischen Wandels beschäftigt. Willi
Altzinger und Stella Zilian untersuchen
die Verteilungseffekte technologischen
Fortschritts und kommen zum Schluss,
dass die in den letzten Jahren steigen-
de Einkommensungleichheit empirisch
nicht eindeutig den neuen Technolo-
gien zugeordnet werden kann. Mögli-
cherweise ist der Zeitpunkt der Unter-
suchung dafür noch zu früh gewählt.
Jedenfalls ist der technologische Wan-
del nicht der einzige und schon gar
nicht der wichtigste Erklärungsfaktor
für den beobachteten Anstieg der Un-
gleichheit.
Käthe Knittler legt in ihrem Beitrag
das Augenmerk auf die Bereiche, die
nicht von den angekündigten Produkti-
vitätssteigerungen durch Digitalisie-
rung profitieren werden. Dies sind die
persönlichen Betreuungs- und Pflege-
leistungen, bezahlt und unbezahlt. Die-
ser Bereich ist, wenn die unbezahlte
Arbeit in die Berechnungen mit aufge-
nommen wird, der mit Abstand größte
Wirtschaftssektor. Es stellt sich die
dringliche Frage der Finanzierung die-
ser lebensnotwendigen Tätigkeiten,
angesichts weiter ansteigender Pro-
duktivitätsdifferenzen der Sektoren.
Bettina Haidinger zeigt in ihrem Bei-
trag Beispiele betrieblicher Kontrolle
durch digitalen Technologieeinsatz:
Ein Bürogebäude mit 40.000 Sensoren
von Deloitte in Amsterdam, die den Ar-
beitsalltag der MitarbeiterInnen erfas-
sen; Wearables, also Geräte mit Sen-
soren, die während der Arbeitszeit ge-
tragen werden und die dabei perma-
nent Aufzeichnungen machen. Alles
Formen, wie die Belegschaft während
der Arbeit elektronisch vermessen
wird. Daran schließen dann lernfähige
Algorithmen an, die die erhobenen Da-
ten verknüpfen können, um Vorschlä-
ge für Produktivitätssteigerungen ma-
chen zu können. Die Gefahren der per-
manenten Überwachung für Körper
und Psyche wie auch der Anleitungen
zur Selbstoptimierung sind nicht unbe-
trächtlich. Wichtig ist in diesem Zusam-
menhang, dass die gezielte Individuali-
sierung erkannt wird und dass mit kol-
lektiven Mitteln wie gewerkschaftlicher
und betriebsrätlicher Organisierung
und gesetzlicher Regulierung entge-
gengesteuert wird.
Bei manchen neuen Arbeitsformen
ist jedoch gar keine betriebliche Kon-
trolle mehr notwendig, weil sie an eine
Plattform ausgelagert sind, wo Auftrag-
nehmerInnen durch ihre KundInnen
ständig bewertet werden und dadurch
ihren Wert steigern und in der Folge
auch mehr Aufträge lukrieren können.
Dies ist nur ein Aspekt von Crowdwork,
wie Philip Schörpf beschreibt. Formal
sind die ArbeiterInnen über Online-
plattformen selbstständig, die Plattfor-
men agieren als Intermediäre. Eine
Vielzahl an arbeitsrechtlichen Miss-
ständen wird immer wieder beobach-
tet. Diese liegen begründet in der be-
stehenden Machtasymmetrie und neu-
en, vom Arbeitsrecht noch nicht erfass-
ten Verhältnissen.
Der dritte Teil des Buches widmet
sich der Gestaltbarkeit des technologi-
schen Wandels. Michael Soder erin-
nert daran, dass technologischer Fort-
schritt mit Arbeitszeitverkürzung ein-
herging. In Westeuropa hat sich die Ar-
beitszeit in den letzten 130 Jahren
mehr als halbiert. Gerade deshalb soll-
te Arbeitszeitpolitik einen zentralen
Stellenwert in der aktuellen Digitalisie-
rungsdebatte einnehmen.
Martin Risak geht in seinem Beitrag
auf die neuen Herausforderungen für
Wirtschaft und Gesellschaft 45. Jahrgang (2019), Heft 1
140
        

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