Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2019 Heft 1 (1)

tionsmarkt entwickelt. Dort zeigte sich
eine zunehmende Vielfalt an Betrei-
bern bei sinkenden Preisen und einem
größeren Angebot. Auch wenn trotz
Privatisierungsschritten bei vielen ehe-
maligen staatlichen Betreibern der An-
teil des öffentlichen Eigentums noch
immer relativ hoch ist, scheint es so,
als seien zwischen privaten und öffent-
lichen Eigentümern keinerlei Unter-
schiede in der Effizienz zu finden. Ehe-
malige Monopole haben sich den
neuen Marktbedingungen angepasst
und agieren auf Augenhöhe mit ihren
privaten Konkurrenten. Die Reform der
Telekommunikationsnetze wurde
gleichzeitig mit einem technischen Um-
bruchprozess durchgeführt, der auch
zu einem enormen Wachstum des
Marktes führte. Die Liberalisierung des
Telekommarktes ist deshalb auch nur
schwer vergleichbar mit anderen Netz-
branchen wie etwa dem Postmarkt, der
eher schrumpft und wo sich nach der
Liberalisierung nun wieder eine starke
Tendenz zu Oligopolen zeigt.
Über diese unterschiedlichen Ent-
wicklungen in den einzelnen Sektoren
und auch über die wichtigsten Unter-
schiede bei der Umsetzung in ver-
schiedenen Ländern versucht das vor-
liegende Buch einen Überblick zu ver-
mitteln. Natürlich können die einzelnen
Artikel dabei nur ein rudimentäres Bild
zeichnen, denn die umfassenden Re-
formschritte der EU würden es wohl für
jeden einzelnen Infrastrukturbereich
nötig machen, ganze Bände zu schrei-
ben, wollte man die Entwicklungen der
letzten Jahrzehnte umfassend in allen
Details beschreiben.
Aber das ist wohl gar nicht in aller
Tiefe notwendig. Der Fokus des Bu-
ches liegt ja eher in der Analyse der
Reformen als solchen und deren Wohl-
fahrtseffekten für EU-BürgerInnen.
Aus einer kritischen Perspektive wer-
den hier die sonst üblicherweise unter-
suchten Parameter wie Kosten und Ef-
fizienz um soziale Dimensionen erwei-
tert und die Effekte auf KonsumentIn-
nen in die Betrachtung miteinbezogen.
Gerade in Infrastrukturbereichen, die
öffentliche Dienstleistungen von vita-
lem Interesse für die Gesellschaft dar-
stellen, ist diese Perspektive dringend
geboten, geht es doch darum, eine
gute, sichere und leistbare Versorgung
für alle sicherzustellen.
Durch die Zusammenstellung der
Entwicklungen und des Reformprozes-
ses in allen wichtigen Netzbranchen
haben die AutorInnen einen längst
überfälligen Beitrag geleistet, um die
oft von wirtschaftlichen Interessen ge-
leitete Diskussion um Liberalisierung
und Privatisierung wieder mehr auf
reale Fakten zu konzentrieren. Es ist
wenig überraschend, dass dabei der
von Konservativen und Wirtschaftsli-
beralen oft beanspruchte Mythos vom
„schlechten Unternehmer Staat“ und
von Wohlfahrtsgewinnen durch Privati-
sierung empirischen Überprüfung oft
nicht standzuhalten vermag. Vielmehr
zeigt sich, dass gerade in Netzbran-
chen staatliches Eigentum und stärker
regulierte Märkte nicht weniger effi-
zient und die Produkte bzw. Dienstlei-
stungen nicht teurer sein müssen. Im
Gegenteil, anhand von mehreren sek-
toralen Länderbeispielen wird gezeigt,
dass Privatisierung, Liberalisierung
und Deregulierung dort oft zu Ver-
schlechterungen für KonsumentInnen
geführt haben. Gerade bei der Versor-
gung mit so wichtigen Dienstleistungen
wie Energie, Telekommunikation,
Bahn und Post kommt es eben auf eine
gesamtwirtschaftliche Betrachtung an.
Massimo Flori und seine MitautorIn-
nen beleuchten hier viele Facetten der
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Wirtschaft und Gesellschaft 45. Jahrgang (2019), Heft 1
        

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