Volltext: Wirtschaft und Gesellschaft - 2019 Heft 1 (1)

45. Jahrgang (2019), Heft 1 Wirtschaft und Gesellschaft
161
der Sieben Vereinigten Provinzen
(Vereinigte Niederlande), im 19. Jahr-
hundert Großbritannien und nach 1945
den USA.
In Wallersteins Weltsystemansatz
kommt, so der Autor, den Überlebens-
und Widerstandsstrategien subalterner
Gruppen oder Klassen zu keiner Zeit
eine zentrale Stellung zu. Beispielswei-
se finden sich in seinen Arbeiten nur
wenige Analysen, die den Zusammen-
hang zwischen Sklavenaufständen
und den Formen der Ausbeutung von
Sklavenarbeit beleuchten. Wallersteins
Vernachlässigung sozialer Proteste ist
zuweilen sogar verbunden mit einer
negativen Bewertung solcher Proteste,
vor allem wenn es dabei um Arbeiter-
bewegungen geht. In diesem Zusam-
menhang verweist der Autor darauf,
dass Wallerstein schon früh den Theo-
retiker Frantz Fanon bewunderte, des-
sen fehlende Wertschätzung für die
entstehenden Arbeiterbewegungen in
den Kolonialstaaten weithin bekannt
war.
Der Autor weist auch darauf hin,
dass es eine gute Alternative zu Wal-
lersteins Konzept des Weltsystems
gibt, nämlich Ernest Mandels Theorie
der kapitalistischen Weltwirtschaft.
Dieser legt viel mehr Gewicht auf die
historischen Auswirkungen von Mas-
senbewegungen und betrachtet die
Ausweitung der kapitalistischen Pro-
duktionsweise seit dem späten 18.
Jahrhundert als einen dialektischen
Prozess. Ein derartiger Ansatz, so der
Autor weiter, unterscheidet sich in drei
grundsätzlichen Aspekten von der
Weltsystemtheorie:
Erstens wird nicht bloß die Auswei-
tung des Handels, sondern der Wett-
bewerb im weitesten Sinne als treiben-
de Kraft des Kapitalismus identifiziert.
Damit verbunden ist, zweitens, die Un-
terscheidung zwischen dem Aufkom-
men eines Weltmarktes und der Ent-
stehung einer globalen kapitalistischen
Produktionsweise. Drittens verdeut-
licht ein solcher Ansatz, dass es inner-
halb des globalen Kapitalismus ent-
scheidende qualitative Unterschiede
zwischen den Formen der Arbeitsregu-
lierung gibt. Freilich, so der Autor, be-
darf auch Mandels Theorie erheblicher
Modifizierungen. Die von ihm für ge-
wöhnlich verwendete historische Peri-
odisierung der kapitalistischen Ent-
wicklung ist unzureichend begründet
und impliziert, dass freie Lohnarbeit in
einer entwickelten kapitalistischen
Wirtschaft die einzig mögliche Form ist,
in der Arbeitskraft kommodifiziert wer-
den kann.
Auf die Geschichte der Arbeit spezia-
lisierte HistorikeIinnen können nach
Ansicht des Autors, im Sinne eines glo-
balen Ansatzes, dabei bei der De-Zen-
trierung ihrer Forschung viel von eth-
nologischen Ansätzen profitieren. Die-
se These belegt der Autor am Beispiel
der ethnologischen Forschungsarbei-
ten zum Volk der Iatmul. Dieses indige-
ne Volk aus Papua-Neuguinea kam
schrittweise immer stärker mit Lohnar-
beit in Berührung. Die Iatmul betrieben
Subsistenzwirtschaft, und diese wurde
von den Frauen dominiert, die etwa 80
Prozent der konsumierten Nahrungs-
mittel beisteuerten. Neben dem tägli-
chen Fischfang stellten sie auch Fisch-
fallen, Netze, Taschen und Körbe her,
sorgten für die kleineren Kinder und
bereiteten die Mahlzeiten zu. Die Män-
ner arbeiteten hauptsächlich als Hand-
werker. Sie bauten Häuser, stellten Ka-
nus und Paddel sowie Waffen her und
auch einige ihrer Werkzeuge. Ihre
Holzschnitzereien zeugen von großer
Kunstfertigkeit. In den Gärten arbeite-
ten Männer und Frauen gemeinsam.
        

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