Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2019 Heft 1 (1)

Wirtschaft und Gesellschaft 45. Jahrgang (2019), Heft 1
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Insgesamt zeichnete sich die Arbeits-
weise der Iatmul durch große Autono-
mie aus.
Die frühesten Berichte über die Iat-
mul stammen aus der deutschen Kolo-
nialzeit. Die erste Expedition 1908-
1910 lieferte hauptsächlich einen Ein-
blick in die materielle Kultur. Die zweite
1912-1913 erbrachte umfangreiche Er-
kenntnisse in den Bereichen Gesell-
schaft, Geografie und Biologie. Die Iat-
mul blieben komplett außerhalb des
deutschen Verwaltungsbereichs und
waren in diesem Sinne ein externer
Schauplatz. Diese Situation änderte
sich erst in den 1920er-Jahren: 1921
erhielt Australien eine Mandatsverwal-
tung über Deutsch-Neuguinea. In den
Folgejahren geriet auch das Inland
schrittweise immer stärker unter die
Kontrolle von Patrouillen mit weitrei-
chenden Folgen. Die Kopfjagd wurde
verboten, und jedes Dorf erhielt einen
Vorstand mit einem Chef und einem
Unterchef, die als Verbindungsperso-
nen zur Kolonialmacht dienen sollten.
Darüber hinaus entwickelte sich, als
sich das Arbeitskräftereservoir in den
Küstengegenden schrittweise er-
schöpfte, ein System der temporären
Arbeitsmigration. Die Arbeitskräftebe-
schaffer versuchten Männer mit westli-
chen Stahlwerkzeugen zu locken, da
der Völkerbund verfügt hatte, dass sie
niemanden dazu zwingen dürfen, für
sie zu arbeiten. Die Einführung einer
Kopfsteuer, rechtswirksam in den
1930er-Jahren, diente ebenfalls dem
Zweck der Arbeitskräftebeschaffung.
All diese Veränderungen führten zu-
sammengenommen zu einer grundle-
genden Transformation der Region.
Das effektive Verbot der Kopfjagd ver-
änderte das Machtgleichgewicht in der
Region. Auch wurden die Aktivitäten im
Dorf immer stärker kommodifiziert,
kunsthandwerkliche Gegenstände im-
mer öfters an Außenstehende ver-
kauft, und bestimmte Rituale konnten
von TouristInnen gegen ein Entgelt be-
sucht werden. Hatte Geldverdienen, so
der Autor, zunächst vornehmlich zur
Zahlung der Kopfsteuer gedient, er-
möglichte es danach jedoch auch den
Erwerb moderner Importprodukte. Die
massive temporäre Migration junger
Männer auf die Plantagen an der Küste
war hierfür der wichtigste Grund: Das
heute noch übliche System der Arbei-
teranwerbung hat vielleicht am stärks-
ten zur Vermischung, aber auch zur
Zerstörung von Kulturen beigetragen.
Fazit: Nach der ersten Phase der
Kontaktaufnahme – in der die Kopf-
steuer eingeführt und die Kopfjagd ver-
boten wurde – hat sich der Kapitalis-
mus in den Dörfern hauptsächlich mit-
tels Warenzirkulation ausgebreitet. Da-
rüber hinaus war die Arbeitsmigration
in Städte und Plantagen der primäre
Faktor für die Proletarisierung der Iat-
mul.
Mit seinem Exkurs will der Autor ver-
deutlichen, dass ethnologische Stu-
dien ein detailliertes Bild der schrittwei-
sen kapitalistischen Eingliederung und
der damit einhergehenden Verbreitung
von Lohnarbeit im Zeitraum zwischen
1908 bis 1988 nachzeichnen können.
Der Autor stellt fest, dass Ethnologin-
nen den Arbeitshistorikerinnen viel
mehr zu bieten haben, einschließlich
21.000 kürzeren und längeren Studien
allein zu Papua-Neuguinea. Eine glo-
bale Geschichte der Arbeit kann auf
einen sehr viel größeren Fundus an re-
levantem Material zugreifen, als uns
möglicherweise bewusst ist.
Im Ausblick seiner Untersuchung
weist der Autor darauf hin, dass ein
Großteil der Arbeit noch aussteht. Es
mangelt uns noch immer an sehr viel
        

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