Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2019 Heft 1 (1)

Anstieg der Arbeitslosigkeit verringert Lohnanteil
Zudem verringert Arbeitslosigkeit in der Regel die Macht der Gewerk-
schaften in den Kollektivvertragsverhandlungen, was eine volle Aus-
schöpfung des Produktivitätsspielraums verhindert und die Prekari-
sierung der Arbeitsmärkte durch unfreiwillige Teilzeitbeschäftigung,
Jobunterbrechungen u. a. erleichtert, wodurch die Lohnentwicklung
zusätzlich gedämpft wird.1 Der Anstieg der Arbeitslosigkeit prägte die
Entwicklung der Lohnquote in den 1980er- und 1990er-Jahren: Die Ar-
beitslosenquote stieg vom Vollbeschäftigungsniveau von 2,4% der un-
selbstständigen Erwerbspersonen (1981) auf 5,6% (1987) bzw. von 5%
(1989) auf 7,2% (1998). In diesem Zeitraum hat ein Anstieg der Arbeits-
losenquote um einen Prozentpunkt eine Verringerung der Lohnquote
um gut einen Prozentpunkt ausgelöst.2
Verfall der Lohnquote durch Internationalisierung
und Finanzialisierung
Die tiefgreifende Integration der österreichischen Wirtschaft in den in-
ternationalen Handel kam in den letzten Jahrzehnten im starken An-
stieg des Exports an der Gesamtnachfrage und den Direktinvestitionen
in und aus dem Ausland ebenso zum Ausdruck wie in der Teilnahme an
vielen institutionellen Integrationsschritten, allen voran der Ostöffnung
seit Beginn der 1990er-Jahre, dem EU-Beitritt 1995 und der Teilnahme
an der Währungsunion 1999. Sie war wirtschaftlich etwa in Bezug auf
Strukturwandel und Produktivitätsanstieg sehr erfolgreich, auch auf-
grund der hilfreichen Rahmenbedingungen seitens des Wohlfahrts-
staates, aktiver Beschäftigungspolitik und kollektivvertraglicher Lohn-
politik. Dennoch hat das Zusammenspiel aus technischem Fortschritt
und Internationalisierung zum Rückgang der Lohnquote beigetragen,
indem es einen Anstieg der Kapitalintensität der Produktion und eine
Verstärkung der Marktkonzentration mit sich brachte.3 Die konkrete po-
litische Ausgestaltung der Internationalisierung wie der europäischen
Integration folgte meist neoliberalen Vorstellungen, was eine Wirt-
schaftspolitik zulasten der ArbeitnehmerInnen mit sich brachte.4 Dies
gilt im besonderen Ausmaß für die weltweite Liberalisierung der Fi-
nanzmärkte: Sie brachte eine enorme Intensivierung der finanzwirt-
schaftlichen Aktivitäten, eine Aufblähung des Finanzsektors und eine
markante Ausweitung der Ansprüche des stark konzentrierten Finanz-
kapitals an das gesamtwirtschaftlich erzielte Einkommen.
Von Mitte der 1990er-Jahre bis zur Finanzkrise ab 2007 prägten zwei
Entwicklungen den Verlauf der Lohnquote: die Abkehr von einer primär
4
Wirtschaft und Gesellschaft 45. Jahrgang (2019), Heft 1
        

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