Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2019 Heft 1 (1)

erfüllen können. Die Zentralbank kann die Bereitstellung von Reserven bei
Erfüllung dieser Voraussetzungen nicht verweigern, wenn die Zahlungs-
mittelfunktion des Giralgeldes im zweistufigen Teilreservesystem aufrecht-
erhalten werden soll. Die Zentralbankgeldmenge ist daher im Gegensatz
zum vertikalen Geldschöpfungsmultiplikatormodell der neoklassischen
Lehrbücher („Geldangebotstheorie“)14 eine abhängige Variable der zirku-
lierenden Geldmenge, die vom „kurzfristigen Zustand der langfristigen Er-
wartung“ (Keynes)15 einer Volkswirtschaft als Determinante der wirtschaft-
lichen Ressourcennutzung abhängt.
4. Bedeutung und Bedingung des Reserveangebots
der Notenbank
Technisch erfolgt die Zirkulation der Reserven des Geschäftsbankenap-
parats ausschließlich in der Bilanz der Notenbank, indem der Zahlungs-
ausgleich für die sogenannten Clearingsalden, die sich aus der Aufrech-
nung der täglich zwischen den Banken anfallenden Kundenüberweisun-
gen ergeben, durch Reserveübertragungen an die Forderungsinhaber
vollzogen wird. Zwar können diese Clearingsalden anstelle des Settle-
ment durch Reserven auch durch wechselseitige Kreditlimite am Interban-
kenmarkt („Geldmarkt“) gestundet werden, die ultimative Form des Zah-
lungsausgleichs zwischen den Banken bleibt jedoch immer der Reserve-
übertrag bei der Notenbank.16
Die Menge der zirkulierenden Zahlungsmittel, die man nach bestimm-
ten, am jeweiligen Liquiditätsgrad orientierten Zurechnungskriterien als
Geldmenge (M1, M2, M3) bezeichnet, entsteht im Kreditvergabeprozess
der Geschäftsbanken, wo sich ein permanenter Wiederholungsablauf aus
Kreditzuzählungen und Kreditrückführungen in einer Iteration von Giral-
geldschöpfung (Kreditzuzählung) und Giralgeldvernichtung (Kreditrück-
führung) manifestiert. Angetrieben wird dieser Iterationsprozess vom Zah-
lungsmittelbedarf der Wirtschaftssubjekte, der von der einzelwirtschaftlich
geplanten Ressourcenauslastung einer Volkswirtschaft abhängt. Die zir-
kulierende Geldmenge (z. B. M1: Bargeld + kurzfristig abrufbare Girokon-
toguthaben bei den Geschäftsbanken) als endogene Nettonachfragegrö-
ße oszilliert daher entlang eines erwartungsabhängigen Wachstums-
pfads. Die Notenbank passt folglich bei neutraler Position zur Aufrechter-
haltung der Zahlungsmitteleignung des Giralgeldes ihr Reserveangebot
an die Geldnachfrage flexibel an, weshalb das Volumen des umlaufenden
Zentralbankgeldes (Bargeld und Reserven) entgegen den Dogmen des
Monetarismus (Geldangebotstheorie, Geldschöpfungsmultiplikatormo-
dell) als eine abhängige Variable der Geldnachfrage erscheint.
Allerdings verfügt die Zentralbank die ökonomischen Bedingungen für
96
Wirtschaft und Gesellschaft 45. Jahrgang (2019), Heft 1
        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.