Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2020 Heft 1 (1)

Der Berufsphilosoph, bei dem ich auch nachgefragt habe, sagt, er selber habe als Lebensmaxime den Spruch: Na gut, dann net, man dreht sich um und geht. So komme er möglichst unbeschadet über die Runden. Er habe Schürz’ Buch nur schnell quergelesen, glaube aber nicht, dass der das auch so mache in Beruf und Leben wie er. Hoffe für Schürz, dass immer alles halbwegs gut ausgehe. Im Buch sind dem Berufsphilosophen die Passagen zu Judith Nisse Shklar aufgefallen. Die seien interessant. Viel mehr hat der Berufsphilosoph nicht gesagt. Ja, doch! Dass eben das Interessante an Schürz sei, dass da eben einer Ökonom und The- rapeut zugleich ist und selber immer genau wisse, wohin er gehöre. Gesellschaft- lich. Und dass Kant, den Schürz ja öfter zitiere, statt von Aufklärung auch von Be- leuchtung gesprochen habe, sagte er auch. Beleuchtung der Geschäfte habe Kant gesagt in der Schrift Zum Ewigen Frieden. So etwas habe Schürz offensicht- lich im Sinne. Die Beleuchtung der Geschäfte und ihrer Macher. Schürz praktizie- re die realistischen schottischen Aufklärer, den Adam Smith zuvorderst und, was erlebtes Unrecht und erlebtes Recht betrifft, die Shklar und den John Rawls, wel- chen Schürz als den Denker des Sozialstaates benenne. Das angenehm kleine und schmale Buch von Schürz sei alles in allem wie ein gut handhabbarer Werk- zeugkasten oder wie eine wohlsortierte Instrumententasche. Zumal der Autor sel- ber gleichsam ganz genau Inventur führe und der habe gleichsam auch eine genaue Bestandsaufnahme verfasst und überprüfe selber immer wieder die je- weilige Tauglichkeit und Brauchbarkeit der Werkzeuge und nehme auch selber ständig Verbesserungen daran vor. Gerade auch im Buch selber. Präzisierungen. Und der Autor zeige dem Publikum eben all diese seine Instrumente und was es alles gäbe. Wenn das Publikum nur wollte. (Dass damit operiert wird und ku- riert.) Zwei Dolmetscherinnen, mit denen ich kurz über das Buch geredet habe, haben Schürz schlichtweg zum Dolmetscher erklärt: zwischen den Schichten, Klassen oder wie auch immer das heißen mag, Lebenswelten. Aufgezwungenen. Ersehn- ten. Wie auch immer. Zwischen den einzelnen Menschen sowieso. Da, sollte man meinen, sei es am einfachsten. Sei es aber nicht, sagen die Dolmetscherinnen, weil jeder einzelne Mensch eben immer alles und alle mit sich habe und in sich tra- ge. Z. B. die Geschichte seiner Familie. Ein Berufsschriftsteller sagte, gegen die Wirtschaft traue sich niemand etwas zu unternehmen, weil niemand wirklich verstehe, wie sie wirklich funktioniere, und alle haben Angst, es werde noch schlechter, wenn man etwas ändere. Die Leute glauben eben nicht, dass man es wirklich besser machen könne. Schürz’ Adam Smith habe das völlig klar beschrieben. Der Berufsschriftsteller meint auch, dass in Schürz’ Buch die Alltagsmechanismen sehr gut beschrieben sind und die Angst um die Familie, um die Existenz, um die Zukunft und vor den Verlusten und vor dem Tod und wieso die Leute vieles nicht wollen, z. B. bestimmte Steuern nicht zahlen wollen. Und zwar auch, meint der Berufsschriftsteller, weil sie den Sozial- staat für sich selber und ihre Familie nicht verstehen oder nicht als genug hilfreich erfahren haben. Und obwohl er Ernst Bloch in Schürz’ Buch nirgendwo nament- lich gefunden habe, komme ihm Schürz’ Bemühen in hohem Maße Bloch-affin vor. Und normalerweise gehe es dem Schriftsteller immer sehr auf die Nerven, wenn von Narrativ die Rede ist. Oder gar von neuem Narrativ. Bei Schürz störe 112 Wirtschaft und Gesellschaft 46. Jahrgang (2020), Heft 1

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