Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2020 Heft 1 (1)

ihn das erstaunlicherweise nicht. Da sei Narrativ keine Platitüde und kein hilfloses Gerede. Ein Lehrer, der mit seinen Oberstufenklassen regelmäßig zu Jugendprozessen geht zum Zuhören und Zuschauen, er sieht darin Präventivarbeit, sagt, die, die dort vor Gericht stehen, haben aber nichts davon. Meint, dass die straffälligen Ju- gendlichen in Situationen gekommen sind, in die seine Schüler auch geraten könnten. Er hält das für einen allgemeinen Zustand der Gesellschaft und man könne dagegen nicht viel tun. Irgendwen müsse es eben treffen. Von Schürz ist er insofern angetan, weil es den Jugendtherapeuten Schürz gibt. Der Lehrer würde sich aber mehr Gesellschaftstherapeutisches in Schürz’ Buch wünschen. Aber das sei ja vielleicht ohnehin eine Illusion. Die Psychologie im Buch gefalle ihm ja gut: Adler, Freud, Machiavelli, Adam Smith, Mandeville, Hobbes. Allesamt keine Illusionisten! Und vielleicht auch stehe die Gesellschaftstherapie ja ohnedies drin- nen. Hundertprozentig realistisch nennt er Schürz’ Unterfangen jedenfalls. Und vielleicht sei ja wirklich der Reichtum der einen schuld an der vielgestaltigen Ar- mut, Not, Minderwertigkeit und Kriminalität der anderen. Er wisse jetzt aber nicht, ob das wirklich so bei Schürz stehe, dass die Reichen schuld sind an den Armen, oder er sich das jetzt so zusammenreime. Was ihm besonders gefällt, ist, dass Schürz in seinem Buch in seiner Philanthropiekritik die vielen großen Wohltäter- namen zusammenassoziiert, vom Carnegie von der Carnegiehall (dem, wie er sich selber nannte, ehrlichen Treuhänder für die Armen) bis zum Drogen-, Killer- und Mafiaboss Pablo Escobar. Eine junge Hundetrainerin, akademische Abschlüsse, sagt, Thema und Titel Überreichtum seien ihr prima vista uninteressant erschienen. All die Diskussionen darüber, wer wie viel verdient und dass der oder die viel zu viel verdiene und die andere viel zu wenig, interessieren ihres Wahrnehmens immer weniger Leute. Dann habe sie aber verstanden, dass es ja einerseits um die Vermögen gehe, nicht um die Einkommen, und zwar um Vermögen, die sich kein Mensch selber er- arbeiten könne, und dass es andererseits einfach darum gehe, wie viel Menschen wert sind. Also um das Unrecht und Leid, das Menschen angetan wird. Und um Menschen, denen keine Lebenschancen gewährt werden. Sie hat mich dann, und zwar im Zusammenhang mit der von Adam Smith erarbeiteten Psychologie, auf die Schürz in „Überreichtum“ immer wieder zurückgreift, auch auf ein Buch ver- wiesen, von dem sie sowohl den Titel als auch den Autor vergessen habe und in welchem aber aufgelistet sei, wie man berechnen könne, was ein Mensch wert ist, z. B. über seine Organe oder seine Lebensversicherung oder über seine Haustie- re oder er als Gefangener im Gefängnis oder er in Freiheit oder als Arbeiter in In- dien oder in Mitteleuropa oder als Chef.4 Sie kommt durch ihre berufliche Arbeit täglich mit völlig unterschiedlichen Menschen in Kontakt, aus ganz verschiedenen Schichten, Milieus, Berufen, Klassen, mit finanziell, materiell und beruflich gut Si- tuierten genauso wie mit Kranken, Alten, Behinderten, Armen und Verarmten und auch mit diversen Hilfseinrichtungen und Institutionen. Die Menschen, meint sie, sind sehr gern sehr fürsorglich und wohltätig, kümmern sich gern um andere Le- bewesen, auch gemeinsam und auch selbstlos und auch aufopfernd. Anderer- seits sieht sie immer sehr schnell bei den Hunden wie bei den Menschen, wer und was nicht zusammenwill und warum nicht. Die gegenseitigen Behinderungen. Sie 113 46. Jahrgang (2020), Heft 1 Wirtschaft und Gesellschaft

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