Volltext: Psychische Belastungen der Arbeit und ihre Folgen

Psychische Belastungen der Arbeit und ihre Folgen  
 
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Die Zahl der Arbeitsstunden hat kaum Einfluss auf die Prävalenz von chronischen Angstzuständen oder 
Depressionen. Auffallend aber erscheint, dass Männer, die von Nachtarbeit betroffen sind, eine 
deutlich geringere Wahrscheinlichkeit aufweisen, derartige psychische Beschwerden zu haben. 
Das subjektive Gefühl, genügend Geld für die Erfüllung der persönlichen Bedürfnisse zu haben, senkt 
unter Männern (ca. – 15 %), insbesondere aber unter Frauen das Risiko, von chronischen 
Angstzuständen oder Depressionen betroffen zu sein, deutlich (um mehr als ein Drittel). 
Der Stellenwert der dominierenden Geschlechterrollen innerhalb des Familienmodells zeigt sich 
einmal mehr: Verheiratete oder in Lebensgemeinschaft lebende Männer haben ein um mehr als 50 % 
höheres Risiko, an chronischen Angstzuständen oder Depressionen zu erkranken als alleinstehende 
Männer. Der männlichen Rolle wird nach wie vor die Verantwortung für die materielle Absicherung 
der Familie übertragen, was psychischen Druck ausübt. Zumindest ein Kind unter 14 zu haben senkt 
unter Männern das Risiko derartiger psychischer Erkrankungen allerdings massiv (um mehr als die 
Hälfte). Kinder zu haben wird von Männern als sinnstiftend erlebt und kann daher als Ausgleich zu den 
Belastungen der Arbeitswelt und dem Druck, als Familienernährer zu gelten, verstanden werden.  
Unter Frauen hat der Familienstand kaum Einfluss auf das Auftreten von chronischen Angstzuständen 
oder Depressionen. Zumindest ein Kind unter 14 Jahren zu haben senkt das Risiko erwerbstätiger 
Frauen, an chronischen Angstzuständen oder Depressionen zu leiden, in deutlich geringerem Ausmaß 
wie unter Männern. Frauen sind häufiger als Männer einer Doppelbelastung durch Erwerbs- und 
Hausarbeit bzw. Kinderbetreuung ausgesetzt, was eine psychische Belastung darstellt. Unabhängig 
von der eigenen Berufstätigkeit leisten Frauen nach wie vor den Hauptanteil bei kind- und 
haushaltsbezogenen Aufgaben. Erwerbs- und Reproduktionsarbeit sind Tätigkeitsbereiche, die nur 
unter hoher Anstrengung vereinbar sind. Eine reale Unvereinbarkeit wird von Frauen häufig als 
eigenes Versagen interpretiert und führt daher zu einer Abwertung der eigenen Leistungsfähigkeit und 
Person (vgl. Haider/Korn/Blagojevic 2010: 170).  
Dennoch haben sinnstiftende und soziale Aspekte der privaten Lebensführung einen besonders 
großen Einfluss auf die psychische Gesundheit. Erwerbstätige Männer und Frauen weisen ein 
niedrigeres Risiko chronischer Angstzustände oder Depressionen auf, je sinnvoller sie ihr Leben 
betrachten. Auch die Zufriedenheit mit den persönlichen sozialen Beziehungen senkt die 
Wahrscheinlichkeit, solche psychischen Beschwerden zu haben, was jedoch für Männer in stärkerem 
Ausmaß gilt als für Frauen. 
Es kristallisieren sich einige Berufsgruppen heraus, die besonders hohe Risiken aufweisen, an 
chronischen Angstzuständen oder Depressionen zu leiden, aufweisen. Allerdings sind die 
berufsgruppenspezifischen Unterschiede zwischen Männern und Frauen völlig verschieden. Unter 
Männern stellen nicht-akademische Lehrkräfte eine besondere Risikogruppe bezüglich der Erkrankung 
an chronischen Angstzuständen oder Depressionen dar, aber auch Büroangestellte ohne 
Kundenkontakt und – in geringerem Ausmaß – Büroangestellte mit Kundenkontakt. Unter Frauen sind 
Anlagen- und Maschinenbedienerinnen einem höheren Risiko derartiger psychischer Beschwerden 
ausgesetzt, aber auch weibliche Führungskräfte. 
Eine wichtige Erkenntnis liefert ein Vergleich mit jenem Modell, das individuelle 
Lebensführungsaspekte nicht berücksichtigt (Übersicht 3.13). Die berufsgruppenspezifischen Aspekte 
treten deutlicher hervor, wenn man Lebensstil- und Lebenszufriedenheitsaspekte aufnimmt: Erhöhte 
Risiken chronischer Angstzustände oder Depressionen steigen, unterdurchschnittliche Risiken
        

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