Full text: Psychische Belastungen der Arbeit und ihre Folgen

Psychische Belastungen der Arbeit und ihre Folgen  
 
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gezeigt, dass Arbeitsplatzbelastungen wie Stress und Zeitdruck per se nicht unbedingt zu psychischen 
Erkrankungen führen; die Forschung zeigt, dass dort wo zusätzlich zur psychischen Belastung andere 
Faktoren, wie etwa ein geringer Handlungsspielraum (Fremdbestimmung) oder eine geringe 
Entlohnung, die als mangelnde Wertschätzung empfunden wird, hinzukommen („reward structure“), 
die Belastung leichter zur Krankheit führen kann (vgl. etwa Karasek/Theorell 1990). Ein anderer 
Literaturstrang hat die Frage untersucht, inwiefern Beschäftigungsform (z. B. atypische Beschäftigung) 
und Arbeitsplatzsicherheit das psychische Wohlbefinden beeinflussen. Die Ergebnisse dieser 
Untersuchungen geben kein eindeutiges Bild: Während beispielsweise Aronsson/Goransson (1999) 
und Ferrie et. al (1999) den vermuteten negativen Zusammenhang bestätigen, finden 
Bardasi/Francesconi (2004) und Marchand et. al (2005) keine Korrelation zwischen atypischen 
Beschäftigungsformen und gesundheitlichem Wohlergehen. Einzig hinsichtlich der stark negativen 
Effekte von Arbeitslosigkeit auf das psychische Gleichgewicht besteht weitgehender Konsens. Für 
Österreich konnte Biffl (2002) nachweisen, dass die Zahl der Krankenstände in Zeiten hoher 
Arbeitslosigkeit zwar sinkt, allerdings nicht infolge eines geringeren Stresses sondern weil in Phasen 
des Arbeitskräfteabbaus zuerst diejenigen Menschen ihre Jobs verlieren, die häufiger im Krankenstand 
sind. Auch dürften Arbeitskräfte in Phasen steigender Arbeitslosigkeit Angst vor einem 
Arbeitsplatzverlust haben, wodurch sie geringere Fehlzeiten infolge Krankheit anstreben. Die Tatsache 
der Arbeitsplatzanwesenheit trotz Krankheit wird als Präsentismus bezeichnet.  
Auch wenn es schwierig ist, den Konnex zwischen psychischer Belastung am Arbeitsplatz und 
Erkrankung herzustellen, zeigt sich doch, dass psychische und psychosomatische Probleme in 
Zusammenhang mit der Arbeitssituation deutlich zunehmen, insbesondere infolge eines 
Bedeutungsgewinns der Arbeitsintensität, welche wiederum Stress auslöst (vgl. z.B. Paolo/Merllié, 
1997). Der zunehmende Stress hängt aber nicht nur mit der Arbeitswelt zusammen, sondern auch mit 
gesellschaftlichen Veränderungen im Allgemeinen: Mehrfachbelastungen durch Beruf und Familie, 
Schwächung (familiärer) sozialer Unterstützungsnetzwerke, Zunahme prekärer, unsicherer 
Arbeitsverhältnisse, etc.  
Erschwerend für die Forschung zu psychischen Belastungen in Österreich ist die schlechte Datenlage, 
vor allem im Vergleich zu anderen europäischen Ländern wie Deutschland oder Skandinavien. 
Trotzdem ist es aus wirtschafts- und gesundheitspolitischer Sicht wünschenswert, die Folgen von 
psychischen Arbeitsplatzbelastungen nach Möglichkeit zu isolieren und genauer zu untersuchen. Erst 
wenn man grundlegende Zusammenhänge zwischen psychischen Belastungsfaktoren in der Arbeit und 
gesundheitlichen Problemen kennt, können in weiterer Folge Kostenschätzungen von Belastungen für 
das Gesundheitssystem, das Individuum, die Wirtschaft und Gesellschaft vorgenommen werden. Diese 
Erkenntnisse sind auch eine Voraussetzung dafür, dass Präventionsmaßnahmen treffsicher und 
effizient gestaltet werden. 
Die Ergebnisse der Analyse der empirischen Daten (Mikrozensus, Gesundheitsbefragung) der 
vorliegender Studie müssen mit Vorsicht interpretiert werden, da es sich um zeitpunktbezogene 
Informationen handelt und nicht um die Beobachtungen über einen längeren Zeitverlauf 
(Longitudinaldaten). Daher gestaltet sich auch die Ableitung einer ökonomischen Schätzung schwierig. 
Die Datenlage in Österreich erlaubt es nicht, die Zusammenhänge zwischen Arbeitssituation und 
Gesundheit derart detailliert und über längere Zeit hinweg zu beobachten, dass die Kausalitäten 
zwischen Dauer, Art und Ausmaß der Arbeitsplatzbelastungen und dem Erkrankungsgeschehen zu 
berechnen oder eine Kostenschätzung durchzuführen. Es muss auf die Kombination von 
Informationen aus verschiedenen Datenquellen zurückgegriffen werden, was Unschärfen mit sich
        

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