Volltext: Psychische Belastungen der Arbeit und ihre Folgen

Psychische Belastungen der Arbeit und ihre Folgen - 18 - damit als Anerkennung empfunden werden. Dadurch kann es zu einer Überidentifikation mit der Arbeit und damit einhergehender Selbstausbeutung kommen (vgl. Kropf 2004: 340ff). In diesem Zusammenhang stellt die Berufsrolle ein bedeutendes Verbindungsglied zwischen individuellen Bedürfnissen der Selbstregulation und den gesellschaftlich bereitgestellten Belohnungsstrukturen (etwa Einkommen, Anerkennung, Aufstiegsmöglichkeiten oder Arbeitsplatzsicherheit) dar. Im Sinne der soziologischen Rollentheorie, die auf angelsächsische Autoren wie George Herbert Mead, Talcott Parsons, Robert K. Merton oder Erving Goffman zurückgeht, sind Rollen sozial definierte Erwartungen, die an eine Person in einer bestimmten sozialen Position oder mit einem bestimmten sozialen Status gerichtet sind und die sie auch befolgt. Dadurch wird letztlich die soziale Struktur bestimmt. Im Berufsleben befolgen Menschen nicht nur soziale, sondern auch operationelle Rollen, die sie aufgrund von Qualifikationen voneinander unterscheiden und so die Form der Arbeitsteilung bestimmen. (vgl. Giddens 1999: 86ff) Die Berufsrolle hat einen wichtigen Einfluss auf die individuelle Selbstregulation durch positive Selbstwertschätzung und Selbstwirksamkeit. Bei Verlust der Berufsrolle oder Bedrohung der beruflichen Kontinuität wird die Möglichkeit der individuellen Selbstregulation beschränkt und somit eine Voraussetzung für die Reziprozität sozialen Austauschs verletzt (vgl. Peter 2002: 389f). Es liegt daher auch aus diesem Grund nahe, dass Erfahrungen beruflicher Gratifikationskrisen in Abhängigkeit von der sozialen Schicht variieren (vgl. Puls 2004: 261). Ein Ungleichgewicht zwischen Verausgabung und Belohnung im Erwerbsleben verursacht negative Emotionen und damit dauerhafte oder immer wiederkehrende Aktivierungen des autonomen (vegetativen) Nervensystems. Derartige chronifizierte Aktivierungen des autonomen Nervensystems werden als aktiver Distress bezeichnet und führen zu einer Vielzahl an gesundheitlichen Beeinträchtigungen: Atherosklerotische Veränderungen führen zu einem erhöhten Risiko von Schädigungen des Herz-Kreislauf-Apparats, insbesondere koronarer und kardiovaskulärer Erkrankungen, aber auch des Immunsystems, des Magen-Darm-Trakts und des Muskel-Skelett- Apparats (vgl. Peter 2002: 390; Puls 2004: 261). Wie das Anforderungs-Kontroll-Modell wurde auch das Modell beruflicher Gratifikationskrisen in zahlreichen empirischen Studien geprüft. Besonders häufig wurde der Einfluss auf Herz-Kreislauf- Probleme getestet (vgl. Siegrist 2004: 16; Siegrist/Dragano 2008: 308f). Laut Wichard/Puls (2004: 263) lassen sich die Ergebnisse dieser Studien auf drei wesentliche Wirkungsbereiche zusammenfassen, bei denen signifikante Einflüsse beruflicher Gratifikationskrisen auf den Gesundheitszustand bzw. das Gesundheitsverhalten nachgewiesen werden konnten: (1) Herz-Kreislauf-Morbidität und –Mortalität, (2) Herz-Kreislauf-Risikofaktoren wie Blutfettwerte, Blutdruck- und Blutgerinnungswerte und (3) verhaltensbezogene Risiken wie Zigarettenrauchen. In diversen Studien konnte gezeigt werden, dass berufliche Gratifikationskrisen neben kardiovaskulären Risiken (etwa akuter, nichttödlicher Herzinfarkt, Bluthochdruck, erhöhte Blutfett- oder Blutgerinnungswerte) zu folgenden gesundheitlichen Problemen führen können2: koronare Herzkrankheiten (z.B. Angina pectoris, ischämische Erkrankung), Erkrankungen des Muskel-Skelett-Apparats, Verdauungsbeschwerden sowie psychische Erkrankungen (z.B. Depressionen) (vgl. Peter 2002: 392ff; Siegrist/Dragano 2008: 309f). Zudem wurde in einzelnen Studien auch ein Zusammenhang zwischen Gratifikationskrisen und dem 2 Laut Peter (2002: 392) wurde in allen Studien für wichtige Störfaktoren kontrolliert. Zudem ist zu betonen, dass die Studien aus verschiedenen Ländern stammen und unter verschiedenen Berufsgruppen durchgeführt wurden, weshalb eine bestimmte Allgemeingültigkeit unterstellt werden kann (vgl. Siegrist/Dragano 2008: 310).

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