Volltext: Abbruch und Schulversagen im österreichischen Bildungssystem

I H S — Abbruch & Schulversagen / Steiner — 49 
6. Fokussierte Zusammenfassung 
Wenn man die in diesem Bericht präsentierten Analyseergebnisse zum Abbruch und Schul-
versagen aus einer Makroperspektive betrachtet, dann ziehen sich zwei Befunde, die auch 
in Zusammenhang miteinander stehen, durch. Es sind dies die Disparitäten nach Bundes-
ländern und die starke Benachteiligung von Jugendlichen mit Migrationshintergrund.   
So bleiben beispielsweise Jugendliche mit deutscher Umgangssprache in 2,7% aller Fälle 
ohne Pflichtschulabschluss, von den Jugendlichen mit nicht-deutscher Umgangssprache 
jedoch 9,6%. Diese Werte sind nach Bundesländern stark unterschiedlich ausgeprägt. Wäh-
rend die geringsten Differenzen das Burgenland (2,3% zu 4,6%) und Kärnten (2,8% zu 
6,4%) aufweisen, zeigen sich die größten Diskrepanzen im Westen des Landes. So bleiben 
in Tirol 2,9% der deutschsprachigen SchülerInnen ohne Pflichtschulabschluss aber 12,1% 
der nicht-deutschsprachigen Jugendlichen. In Vorarlberg sind es gar 2,8% zu 16,9%, was 
gleichbedeutend ist mit einem 6-fach erhöhten Risiko für SchülerInnen mit nicht-deutscher 
Umgangssprache. Wenn man annimmt, dass das Kompetenzniveau der MigrantInnen gleich 
über Österreich verteilt ist, kann aus diesem Befund der Schluss gezogen werden, dass die 
Tiroler und Vorarlberger Pflichtschulen wesentlich sozial selektiver sind als im Rest von Ös-
terreich. Da jedoch in allen Bundesländern dasselbe Schulsystem die Grundlage bildet, kön-
nen diese Unterschiede nur auf unterschiedliche Praktiken zurückgeführt werden und 
scheint eine Diskussion darüber angezeigt, inwieweit es sich hier um voluntaristische Selek-
tivität handelt und  welche Ausgrenzungseffekte für die Betroffenen damit verbunden sind. 
Die aufgezeigte Problematik setzt sich auch dann weiter fort, wenn der vorzeitige Bildungs-
abbruch, d.h. die Beendigung der Bildungslaufbahn bevor ein Abschluss auf der Sekundar-
stufe II erreicht werden konnte (informelles Qualifikationsminimum), betrachtet wird. Zu-
nächst einmal kann im Rahmen einer Regressionsanalyse nachgewiesen werden, dass Mig-
rantInnen aus Drittstaaten in erster Generation einem 315%igen ESL-Risiko ausgesetzt sind 
und jene in zweiter Generation immer noch einem rund 195%igen Risiko. Dieser bereits 
mehrfach belegte Befund der Benachteiligung von Personen mit Migrationshintergrund konn-
te durch den Nachweis eines Einflusses von Systemvariablen auf den vorzeitigen Bildungs-
abbruch erweitert werden. Demnach wirken sich der Anteil von SchülerInnen in der Sonder-
schule, der Anteil von SchülerInnen ohne Pflichtschulabschluss sowie die Verlustraten in der 
Sekundarstufe II auf den vorzeitigen Bildungsabbruch risikosteigernd aus. Höhere Selektivi-
tät des Bildungssystems (operationalisiert über diese drei Indikatoren) resultiert in höheren 
ESL-Raten. Dabei beziehen sich die operationalisierten Systemunterschiede wiederum auf 
regionale Unterschiede, also darauf wie unterschiedlich selektiv innerhalb derselben nationa-
len Rahmenbedingungen in den einzelnen Bundesländern agiert wird.
        

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