Volltext: Kommerzielle digitale Überwachung im Alltag

11 / 88 Kommerzielle Digitale Überwachung im Alltag | Studie im Auftrag der österreichischen Bundesarbeitskammer | 2014 2.4. Kommerzielle digitale Überwachung Überwachung ist nach Marit Hansen (2012) das „zielgerichtete Beobachten einer Aktion, eines Objekts oder einer Person (Überwachungsziel) und das damit verbundene Sammeln von Infor- mationen“. Überwachungstechnologien sind in Folge alle „informationstechnologischen Instru- mente, die sich für diesen Zweck nutzen lassen“. Der Begriff kann sich auf viele unterschiedliche Bereiche beziehen – auch auf die Überwachung von automatisierten Produktionsprozessen, Maschinen oder etwa Vulkanen. In dieser Studie sei explizit die Überwachung von Personen und deren Handlungen gemeint. Traditionell wird der Begriff für staatliche Überwachung ver- wendet - oft auch im Kontext von Videoüberwachung, Überwachung von MitarbeiterInnen oder etwa der Überwachung durch Detektive. David Lyon – einer der Pioniere der Überwachungsforschung - definiert Überwachung als fokus- sierte, systematische und laufende Aufmerksamkeit auf persönliche Details zum Zweck der Einflussnahme, der Führung, des Schutzes oder der Lenkung18 (vgl. Lyon 2007). Überwachung sei fokussiert, weil sie auf das Individuum ausgerichtet ist – auch wenn dabei aggregierte oder öffentliche Daten als Hilfsmittel eingesetzt werden. Sie erfolge systematisch, weil absichtlich, vorsätzlich und unter Einsatz bestimmter Protokolle und Techniken – und nicht etwa zufällig o- der spontan. Und Überwachung erfolge laufend, sie sei „normaler“ Teil des Alltagslebens in „bü- rokratisch administrierten Gesellschaften“, die auf Informationstechnologie basieren. Überwa- chung sei einerseits ein „Set aus Praktiken“, verfolge aber andererseits „Zwecke“. In den daraus entstehenden Machtbeziehungen seien die BeobachterInnen privilegiert. Durch sein Buch „The Electronic Eye: The Rise of Surveillance Society“ hat Lyon (1994) den Begriff Überwachungsgesellschaft mitgeprägt und das Konzept des Social Sorting beschrie- ben – also die ständige Klassifikation und Sortierung der Bevölkerung durch Informationstechno- logie und Software-Algorithmen auf Basis persönlicher Daten. Dies hätte Auswirkungen auf indi- vidueller Wahlmöglichkeiten und Lebenschancen. Gesellschaftliche Gruppen würden unter- schiedlich behandelt, es entstünde diskriminierendes Potential. Automatisiertes Social Sorting erzeuge subtile Reihungen, durch die manche KonsumentInnen, KundInnen und BürgerInnen gegenüber anderen privilegiert würden – etwa durch unterschiedliche Preise oder Wartezeiten – und manche würden überhaupt ausgeschlossen. Zwanzig Jahre nach Erscheinen dieses Buchs sind 2014 viele der von Lyon beschriebenen As- pekte Realität. Im Zuge von Internet und Digitalisierung ist digitale Überwachung heute beinahe allgegenwärtig – sowohl durch staatliche Behörden als auch durch Unternehmen. Immer mehr Geräte und Sensoren zeichnen unsere Handlungen auf, Unternehmen in beinahe allen Sektoren arbeiten an Einsatzmöglichkeiten und Geschäftsmodellen auf Basis dieses permanenten Daten- flusses. Die meist unter dem Begriff Big Data gefassten Technologien der automatisierten Ana- lyse und Auswertung großer Datenmengen ermöglichen die Erstellung von Persönlichkeitsprofi- len und die Klassifizierung von Individuen aus der Aufzeichnung ganz alltäglicher Verhaltens- weisen, Vorlieben und Abneigungen. In den folgenden Kapiteln soll ein Überblick über internationale Trends im Bereich der Speiche- rung, Analyse und Verwertung persönlicher Daten gegeben werden – und damit das Feld der kommerziellen digitalen Überwachung umrissen werden. 18 Übersetzung durch den Verfasser, im Original: „the focused, systematic and routine attention to personal details for purposes of influence, management, protection or direction“ Was ist Überwachung? Kommerzielle Überwachung? Aufzeichnung des Alltags

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